Leo Mattes

Dezentralisierung: Das neue ökonomische Paradigma

Dezentralisierung

Dezentralisierung: das neue ökonomische Paradigma. In meinem Beitrag über die Energie-Informations-Transport-Matrix hatte ich bereits dargelegt, dass jede Gesellschaft einen Energieträger, eine Informationstechnologie und ein Transportmittel benötigt. Nur dadurch können eine Kommunikation, ein Warentransport und eine Warenumwandlung zur Befriedigung der Bedürfnisse funktionieren. In diesem Beitrag möchte ich nun näher auf den Wandel der Technologien in eben diesen Branchen eingehen und die Dezentralisierung und die neuen ökonomischen Paradigmen erläutern.

Dezentrale, intelligente, automatisierte Informations-Infrastruktur

In der Informationsindustrie haben wir den Wandel hin zu dezentralen, intelligenten Infrastrukturen bereits am deutlichsten vernommen. Ohne das Internet bestand die Kommunikation aus Reportern, Redaktionen, linearen Medien und dem Konsumenten. Die Informationen wurden vertikal durch die Wertschöpfungsketten transportiert und alle Beteiligten wurden für die Weiterverarbeitung der Informationen entlohnt. Eine Interaktion des Konsumenten mit der Originalquelle war aufgrund der mangelnden Vernetzung schwierig.

Die Informationsmittel Fernsehen, Radio, Zeitungen und Zeitschriften berichten in eine Richtung. Es wird benachrichtigt, aber die Antwort oder die Meinungen des Konsumenten werden nicht abgefragt. Feedback und Interaktionen finden nicht statt, weil die Informationen nur in eine Richtung fließen.

Das Telefon oder ein Briefwechsel hat zwar den Nachteil, dass nicht immer beide Seiten Zeit haben, doch ermöglichen diese Technologien ein Informationsaustausch, welcher von Person zu Person ohne Mittelsmänner durchgeführt werden kann.

Wie das Telefon und der Brief, so ist auch das Internet eine Technologie, welche eine wechselseitige Kommunikation zulässt. Des Weiteren ist es durch das dezentrale Internet möglich immer und überall Nachrichten zu verschicken und zu empfangen. Ebenfalls können Nachrichten und Informationen für einen späteren Zeitpunkt gespeichert werden.

Durch das dezentrale Internet rücken die Zielgrößen des Wohlstands näher. Die richtige Information, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, in der richtigen Menge, in der richtigen Qualität, zu den richtigen Kosten.

Dezentrale, intelligente, automatisierte Energieinfrastruktur

Der Wandel in der Energieindustrie hin zu einer dezentralen Erzeugung, Speicherung und einem Verbrauch ist noch nicht richtig vollzogen worden. Doch durch die Möglichkeiten der Erneuerbaren Energien, wie Photovoltaik und Windkraft, und durch Speichertechnologien wird es möglich ein dezentrales, intelligentes Energienetz zu errichten.

Die derzeitige Öl- und Gasindustrie funktionieren ähnlich wie die alten Informationstechnologien. Sie transportieren die Energie von den Öl- und Gasvorkommen über Pipelines zu den Raffinerien und weiter durch das Gasnetz oder zu Tankstellen. Die Energie fließt demnach nur in eine Richtung.

Der Wandel zu mehr Erneuerbaren Energien wird demnach die Energieinfrastruktur komplett verändern, da nun jeder Energie „erzeugen“, speichern, verkaufen, und verbrauchen kann. Die Abhängigkeit vom Öl und Gas wird reduziert und die Mittelsmänner verschwinden.

Dezentrale, intelligente, automatisierte Mobilitäts- und Transportindustrie

Die Transportindustrie wird ebenfalls einen Wandel hin zu dezentralen Mobilitätsdiensten erfahren. Umsteigen und Fahrpläne werden verschwinden, sodass jeder zu jeder Zeit von seinem Startpunkt zu seinem gewünschten Ziel kommen kann. Autonome, elektrische Autos und LKWs werden dies möglich machen.

Ein Auto steht heutzutage etwa 96% der Zeit rum, weil es sich in Privatbesitz befindet und nicht benötigt wird. Durch autonome Flotten wird die Auslastung der Autos erhöht und die Kosten werden sinken. Der hohe Wirkungsgrad eines Elektroautos und der Entfall des Fahrers beim autonomen Fahrzeug wird die Betriebskosten sinken lassen. Die Wartungskosten werden aufgrund weniger Unfälle und aufgrund der geringen Anfälligkeit eines Elektroautos im Vergleich zu einem Verbrennerfahrzeug ebenfalls stark sinken.

Neue ökonomische Paradigmen

Wie wir erkennen, ergeben sich durch die dezentralen, intelligenten Infrastrukturen komplett neue ökonomische Paradigmen und neue Geschäftsmodelle. Die alte Infrastruktur befindet sich in einer Pfadabhängigkeit, weil man in Zukunft nicht mehr mit der Durchführung des Transports von Informationen, Energie oder Gütern Geld verdienen wird, sondern lediglich mit der Instandhaltung der Infrastruktur.

Der Transport und die Bereitstellung von Informationen, Energie und Gütern wird automatisiert stattfinden und die Teilnehmer an den dezentralen Netzwerken werden das Erzeugen und das Empfangen von Informationen und Energie selbstständig erledigen können.

Früher bezahlte man für jeden Brief und für jede telefonierte Minute. Heute kann man soviel Nachrichten versenden und so lange telefonieren wie man möchte, solange man den Zugang zum Netzwerk mit einer immer günstiger werdenden Flatrate bezahlt.

Heute bezahlt man beim Taxi pro Kilometer und zu Hause pro kWh Energie. Wenn man sich die Gemeinsamkeiten der Infrastrukturen anschaut, dann sieht man, dass sie alle eine sehr hohe Produktivität aufweisen, automatisiert funktionieren und nach dem Aufbau der Infrastruktur lediglich eine Instandhaltung notwendig ist. Es ist demnach anzunehmen, dass auch im Transport- und im Energiebereich bald Flatrates verbreitet angeboten werden. Energieflatrates gibt es heute schon, autonome Fahrdienste ebenfalls.

Alles andere würde auch den Zielgrößen des Wohlstandes widersprechen, denn diese haben eine unendliche Produktivität zum Ziel. Und mit solchen Technologien gewinnt man keinen Wettbewerb mehr, denn die Margen gehen gegen null. Die nächste Herausforderung wird nicht die Durchführung der Informations-, Energie-, und Transport-Infrastruktur sein, sondern die Instandhaltung.

Jeremy Rifkin

Jeremy Rifkin schreibt in seinem Buch die Null-Grenzkosten Gesellschaft über die alten Geschäftsmodelle und Konzerne des 20. Jahrhunderts folgendes:

„Folge von alledem ist, dass die Unternehmensmonopole des 20. Jahrhunderts sich jetzt einer disruptiven Bedrohung von unberechenbaren Ausmaßen in Form, der sich herausbildenden Internet-der-Dinge Infrastruktur gegenübersehen. Neue […] Unternehmen können sich im Plug-and-Play-Verfahren in das Internet-der-Dinge einklinken und mithilfe seiner offenen, dezentralen und kollaborativen Architektur durch Peer-Produktion laterale Skaleneffekte erzielen und so praktisch alle noch verbliebenen Mittelsmänner eliminieren. Diese Kompression führt zu einer dramatischen Steigerung der Effizienz und Produktivität, während sie gleichzeitig die Grenzkosten gegen nahezu null rückt, was zu Produkten und Verteilung nahezu kostenloser Güter und Dienstleistungen führt.“ – Jeremy Rifkin, Die Null-Grenzkosten Gesellschaft, S.100

Er schreibt weiter:

„So sehr sich die vertikal integrierten Monopole der Zweiten Industriellen Revolution des 20. Jahrhunderts auch des Angriffs zu erwehren versuchen, ihre Bemühungen erweisen sich als fruchtlos. Die riesigen Monopole, die über Musikbranche, Verlagsindustrie, Print- und elektronischen Medien sowie weite Teile der Unterhaltungsindustrie herrschten, haben die schockierende, Grenzkosten schmelzende Wirkung der Skaleneffekte einer Peer-Produktion in lateral integrierten Netzwerken am eigenen Leibe erfahren. Mit zunehmender Reifung der Internet-der-Dinge Infrastruktur dürfen wir mit einer Niederlage vieler Konzernriesen rechnen- von der Energiebranche über Kommunikation und Herstellung bis hin zum Dienstleistungssektor.“ – Jeremy Rifkin, Die Null-Grenzkosten Gesellschaft, S.100

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Informationsindustrie, die Energieindustrie und die Transportindustrie in Pfadabhängigkeiten gefangen sind. In der Informationsindustrie ist es bereits offensichtlich, die Energie- und Transportindustrie werden folgen. Es bleibt zudem auch spannend was das zentrale Geldsystem und der zentrale Staat dieser Dezentralisierung entgegnen, denn wenn jeder Produzent und Konsument, Erzeuger und Verbraucher wird, dann wird das Märchen vom bösen Kapitalisten, vom bösen Unternehmer und dem guten Verbraucherschutz schnell auserzählt sein. Dezentralisierung bedeutet nämlich auch Individualisierung und Eigenverantwortung im Gegensatz zum Klassendenken und zur Klientelpolitik.

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In den ersten Beiträgen hatte ich zunächst eine Utopie für den maximalen Wohlstand hergeleitet und anschließend weitere Erläuterungen zur maximalen Produktivität gegeben. Weitere wichtige Artikel behandeln die Eigenschaften von Pfadabhängigkeiten, Eigenschaften von Technologiekurven und die Vision der Null-Grenzkosten Gesellschaft.

Mit besten Grüßen

Leo Mattes