Leo MattesSpieltheorie des Lebens

Die Macht der Vergangenheit #7

Die Macht der Vergangenheit

Im letzten Beitrag haben wir die Kunst & Kultur als Blick Richtung Horizont und die Grenzen einer Gesellschaft betrachtet. In diesem Beitrag werden wir uns die Macht der Vergangenheit anschauen.

Vorbereitete Rollen

Jeder Mensch wird in eine Kultur und in eine Gesellschaft hineingeboren. Er ist ein Ergebnis seiner Familie, seines Umfelds und der Strukturen der Politik. Der Mensch erlebt die Konflikte zwischen theatralischen Rollenspielen und dem Dramatischen. Er verspürt einen Druck vorbereiteten Rollen wie „ältester Sohn“, „Lieblingstochter“ oder „Erbe der Familie“ übernehmen zu müssen.

Zu jeder dieser Rollen gehört natürlich ein Skript, dessen Vorgaben eine Person leicht ein Leben lang wiederholen kann, während sie die Tatsache nicht wahrnimmt, vergisst oder unterdrückt, dass es sich nur um ein erlerntes Skript handelt. Eine solche Person ist dazu verdammt die Vorgaben, die in der Vergangenheit gemacht wurden, als Erfahrung zu wiederholen, anstatt sie als Vergangenheit zu betrachten.

Das Genie in uns

Erst das Genie in uns entdeckt, dass die Vergangenheit und die vorgegebenen Rollen keine abgeschlossenen und unveränderbaren Regeln sind, sondern, dass sie für immer offen für eine kreative Neuinterpretation sind.

Nicht zuzulassen, dass die Vergangenheit die Vergangenheit ist, kann die Hauptursache für den Ernst endlicher Spieler sein. Endliche Spieler neigen daher dazu entweder die vorgegebenen Rollen zu leben oder ein Leben in Rebellion zu den vorgegebenen Regeln zu leben.

Das Publikum im endlichen Spiel

Das endliche Spiel hat immer ein Publikum, was sich darin äußert, dass ein endlicher Spieler dem Publikum gefallen will und als Sieger bekannt sein will, indem er bestmöglich den Regeln folgt. Mit anderen Worten, der endliche Spieler braucht nicht nur ein Publikum, sondern muss dies auch noch von sich und seiner Leistung überzeugen.

Wenn ein endlicher Spieler in ein Spiel eintritt und dies nicht spielerisch, sondern ernsthaft tut, so tritt er vor ein Publikum, das von ihm weiß, dass er (noch) keine Titel und daher keine Macht hat. Der endliche Spieler hat daher das Bedürfnis dem Publikum zu beweisen, dass er nicht das ist, was er zu sein glaubt, oder genauer gesagt, dass er nicht das ist, von dem er glaubt, was das Publikum über ihn denkt.

Ein endliche Spieler wird nicht mit ausreichendem Siegeswillen in ein Spiel gehen, solange er nicht selbst vom Publikum überzeugt sind, das er überzeugen will. Das heißt, wenn er nicht glaubt, dass er tatsächlich der Verlierer ist, für den ihn das Publikum hält, wird er nicht den nötigen Siegeswillen haben, um zu Gewinnen.

Je negativer er sich selbst einschätzt, desto mehr bemüht er sich, das negative Urteil anderer umzukehren. Das Ergebnis bringt den Widerspruch zur Perfektion: Indem der endliche Spieler dem Publikum beweist, dass es falsch lag, beweist er sich selbst, dass das Publikum Recht hatte.

Je mehr er als Gewinner anerkannt wird, desto mehr weiß er, dass er ein Verlierer ist, der ohne Titel nichts wert ist. Wir sehen hierdurch, dass die Macht der Vergangenheit für das endliche Spiel so entscheidend ist, dass sie uns sogar unser eigenes Interesse am Spiel vergessen lässt.

„Wer spielen muss, der kann nicht spielen.“

Zum Beispiel: Wer nur anderen gefallen will und dies durch das Aufsetzen einer Fassade und durch das Spielen einer Rolle auch schafft und somit Anerkennung erhält, der bekommt das Feedback, dass er seine Rolle braucht, um Anerkennung zu bekommen und dass er ohne die Fassade nichts wert ist. Das Spielen einer Rolle führt zu einer Verfestigung der Ernsthaftigkeit und der Selbstbeschränkung, denn wenn man schlecht spielt wird man verlieren und wenn man gut spielt, bestätigt man sich als Verlierer, weil man eine Rolle braucht, um als Gewinner dazustehen.

Als ernsthafter endlicher Spieler ist man sich dessen aber nicht bewusst und wenn man dann im endlichen Spiel erfolgreich ist und das Publikum überzeugt, so verstärkt sich das Rollenverständnis und man lebt immer mehr mit seiner Rolle im Widerspruch. Dies sind etwa Leute, die keine Schwäche zeigen dürfen oder durch ihre Rolle besondere Anerkennung bekommen.

Dies zeigt erneut den Widerspruch, der einem endlichen Spiel, das man ernsthaft als endlicher Spieler spielt, zugrunde liegt.

Ich freue mich, wenn dir dieser Beitrag gefallen hat und du die Serie weiter verfolgst. Im nächsten Beitrag geht es um „Berührung, Eroberung und Sexualität #8“.

Hier gelangst du nochmal zum vorherigen Artikel „Definierte Grenzen und weiter Horizont #6„.

Abonniere meinen Newsletter, um nichts zu verpassen.

Beste Grüße

Leo Mattes

Quellen:

James P. Carse – „Finite and Infinite games“ (Buch)