Leo MattesSpieltheorie des Lebens

Die Natur, die Stille und die Sprache #10

Die Natur, die Stille und die Sprache

Im letzten Beitrag haben wir die Rolle des Publikums und den Umgang mit der Zeit betrachtet. In diesem Beitrag werden wir uns die Eigenschaft der Natur, die Stille und die Möglichkeiten der Sprache anschauen.

Was ist die Natur?

Die Natur hat keine eigene Stimme und nichts zu sagen. Sie ist einfach nur da und ist das Reich des Unaussprechlichen. Wir erleben diese Stille der Natur als völlige Gleichgültigkeit gegenüber unserer menschlichen Kultur und gegenüber der Freiheit unseres Genies.

Der endliche Spieler nimmt die Natur als Gegner an, um sie sich zu unterwerfen. Die höchsten Errungenschaften der modernen Gesellschaft sind die Entwicklungen von Technologien, die es uns ermöglichen die Launen der Natur zu meistern.

Da wir selbst Teil der Natur sind, sprechen wir zwar als Teil des Unaussprechlichen, doch dadurch muss etwas dauerhaft vor uns verborgen bleiben. Die Natur lässt keinen Meister über sich, niemand steht über den Naturgesetzen und niemand kann diese „Matrix“ von außen betrachten. Es gibt keine unnatürliche Handlung. Nichts kann gegen die Natur getan werden, geschweige denn außerhalb der Natur.

„Wir müssen uns daran erinnern, dass das, was wir beobachten, nicht die Natur an sich ist, sondern nur die Natur, die unsere Methode des Fragens ausgesetzt ist.“ – Heisenberg

Jetzt können wir sehen und verstehen, dass die Natur eine Stille hat, die so vollständig ist, dass es keine Möglichkeit gibt zu wissen, worüber sie schweigt. Aber erst die Unaussprechlichkeit der Natur ermöglicht uns die Sprache, die Kultur und das Genie.

Die Herrschaft des endlichen Spielers über die Natur

Der Versuch des endlichen Spielers die Natur zu übernehmen und Meister seiner Opposition zu sein, ist ein Versuch, sich selbst zum Schweigen zu bringen. Es ist die Weigerung die Natur als Natur zu akzeptieren. Er möchte die Natur so unterwerfen und zu etwas so Vertrautem und Beherrschbaren machen, dass sie eine Erweiterung seines Willens ist.

Es ist die Reduktion der Vitalität und Lebendigkeit auf eine vorhersehbare Masse. Im endlichen Spiel heißt Töten, eine Stille auferlegen, die eine Stille bleibt. Dies ist der Widerspruch des endlichen Spiels gegen das Leben und gegen die Natur. Zu Ende gedacht spielt der endliche Spieler, um sein eigenes Genie zum Schweigen zu bringen.

Geschichtsstudenten glauben oft, dass sie unvoreingenommen Gründe für bestimmte Ereignisse finden können. Sie betrachten das Leben anderer, doch niemand kann dies objektiv tun, den jeder hat nur eine subjektive Sichtweise. Es werden daher Gründe für vergangene Ereignisse gesucht, die den eigenen Ansichten und Fragen entsprechen. Sie finden Erklärungen, die alle Möglichkeiten in Zusammenhang mit dem Ausgang der Geschichte, sprich dem Notwendigen bringen. Erklärungen können zwar ein gewisses Maß an Zufall aushalten, doch sie können die Freiheit überhaupt nicht verstehen, weil sie nach einer Aktion-Reaktion Beziehung suchen. Es gibt jedoch keine allgemeinen Gesetze, die ein bestimmtes Ergebnis in der Handlung eines Genies bestimmen können.

Wir sehen hier ebenfalls eine Parallele zur der Praxeologie. Denn diese hat ebenfalls erkannt, dass das menschliche Handeln nicht vermessen und vorhergesagt werden kann. Es kann daher keine historische Geschichte sein, wenn wir erzählen, was Personen getan haben, weil sie dazu veranlasst wurden, weil eine Kausalität in einem Narrativ über menschliche Entscheidungen keinen Platz hat.

Erklärungen und Geschichten

Erklärungen gelingen nur, wenn der Hörer von seinem eigenen Fehler überzeugt ist. Erst, wenn er seiner eigenen Wahrheit misstrauisch ist, dann ist er gegenüber einer Erklärung offen und bereit sie zu akzeptieren. Erklärungen sind somit Teil eines endlichen Spiels, denn sie können nur erfolgreich sein, wenn der Gegner in seiner bisherigen Wahrheit „besiegt“ ist. Erklärungen unterliegen derselben Dynamik, wie alle endlichen Spiele. Sie werden oftmals gegeben, um zu zeigen, dass man nicht dem Fehler unterlegen ist, von dem man denkt, dass andere dachten, dass man ihm unterliegt. Oder einfach gesagt. Rechtfertigungen möchten etwas erreichen.

In einem endlichen Spiel haben die Gewinner die unbestreitbare Befugnis bestimmte Tatsachenerklärungen abzugeben. Diese sind zu hören. Die Gewinner schreiben die Geschichte. In den Bereichen, die für den abgeschlossenen Wettbewerb gelten, verfügen die Gewinner über Wissen, das nicht mehr angefochten werden kann.

Wissen als Titel und Machtanspruch

Wissen entspricht demnach den Eigenschaften eines Titels. Es wird veröffentlicht, deklariert oder auf andere Weise angezeigt, damit andere es berücksichtigen. Es ist wie eine Errungenschaft, welche auf die vergangene Wettbewerbsfähigkeit des Besitzers hinweist. Diejenigen, die Anspruch auf Wissen haben, sind oftmals der Meinung, dass ihnen auch Eigentum und Ansehen gewährt werden sollte, und diejenigen, die einen Titelanspruch haben, glauben oftmals, dass damit ein bestimmtes Wissen einhergeht.

Auch hier können wir eine Parallele zur Praxeologie erkennen, denn diese lehnt das geistige Eigentum ab, ebenso, wie das unendliche Spiel Titel und Macht ausgehend von Wissen ablehnt.

Eine Erklärung oder ein Titel legt dem Zuhörer und dem Verlierer eine Stille auf. So erwarten wir vom Gewinner als ersten Akt nach dem endlichen Spiel eine Rede. Der erste Akt eines Verlierers mag auch eine Rede sein, doch dient diese lediglich dazu den Sieg anzuerkennen und zu erklären, dass es keine weitere Herausforderung geben wird. Die Siegesrede ist eine Rede, die die Stimme des Verlierers zum Schweigen bringt. Die Gewinner sprechen nicht mit den Verlierern, sondern für die Verlierer. Könige sprechen für das Reich, Präsidenten für den Staat, Päpste für die Kirche, …

Endliche und unendliche Sprache

Die unendliche Sprache hingegen bringt uns nicht zum Schweigen, sondern erinnert uns immer wieder an die Unaussprechlichkeit der Natur und an die Lebendigkeit des Genies. So ist zum Beispiel eine Metapher horizontal, da sie unsere Ansicht und unser bisheriges Verständnis erweitert.

„Diskutiere so, dass der andere sein Gesicht bewahren kann.“

Der Diskurs eines endlichen Spielers zielt darauf ab, das auszusprechen was bereits der Fall ist und was bereits geschehen ist. Der unendliche Spieler zielt mit seiner Sprache darauf ab neues zu kreieren und denk Blick zu öffnen.

Die endliche Sprache existiert vollständig, bevor sie gesprochen wird. Endliche Redner kommen mit bereits geschulten und geprobten Stimmen zur Rede. Sie müssen wissen, was sie mit ihrer Sprache vorhaben, bevor sie sprechen.

Die unendliche Sprache existiert hingegen nur, wie sie gesprochen wird und kommt aus einer vollkommenen Stille. Unendliche Redner sind auf die Resonanz mit dem Zuhörer angewiesen, damit sie wissen, was sie gesagt haben. Der unendliche Redner erwartet nicht, dass der Hörer erkennt, was ihm bereits bekannt ist, sondern dass eine Vision entsteht, die der Redner ohne die Antwort des Hörers nicht hätte haben können. Unendliche Redner appellieren daher nicht an ein Publikum, sondern präsentieren sich als Publikum, indem sie mit anderen sprechen.

Die endliche Sprache informiert einen anderen über die Welt, um gehört zu werden. Die unendliche Sprache hört mit dem anderen zu.

Der Widerspruch der endlichen Sprache besteht darin, dass sie im Zuhörer endet. Das Paradox der unendlichen Sprache ist, dass sie nur fortgesetzt wird, weil sie eine Art des Zuhörens ist. Die endliche Rede endet mit einer Stille, während die unendliche Sprache mit einer Offenbarung der Stille beginnt.

Geschichtenerzähler

So konvertieren Geschichtenerzähler ihre Zuhörer nicht hin zu einer überlegenen Wahrheit, sondern bewegen die Zuhörer hin zu Visionen und zum Horizont. Das Geschichtenerzählen ist daher nicht kämpferisch. Anstatt Argumente und Gegenargumente vorzustellen, laden uns Geschichtenerzähler ein von einer begrenzten Sichtweise zu einer horizontalen Sichtweise zurückzukehren. Geschichten, die sie erzählen, berühren uns. Der Zuhörer erfährt, dass seine bisherige Sicht eingeschränkt war.

Ich freue mich, wenn dir dieser Beitrag gefallen hat und du die Serie weiter verfolgst. Im nächsten Beitrag geht es um „Wachstum, Technologie und das Reisen #11“.

Hier gelangst du nochmal zum vorherigen Artikel „Publikum und Zeit #9„.

Abonniere meinen Newsletter, um nichts zu verpassen.

Beste Grüße

Leo Mattes

Quellen:

James P. Carse – „Finite and Infinite games“ (Buch)