Leo Mattes

Eigenschaften von Pfadabhängigkeiten

In den ersten zwei Beiträgen habe ich zunächst eine Utopie für den maximalen Wohlstand hergeleitet und anschließend weitere Erläuterungen zur maximalen Produktivität gegeben. Im Beitrag über meine Motivation für diesen Blog kam ich des Öfteren auf Pfadabhängigkeiten zu sprechen. Über die Eigenschaften von Pfadabhängigkeiten soll es in diesem Beitrag gehen.

Die Theorie der Pfadabhängigkeiten stellt die Aussage in Frage, dass sich immer die effizienteste Technologie am Markt durchsetzt. Dabei beruft sich die Theorie auf drei Eckpfeiler, welche für eine Stabilisierung und Fortsetzung eines eingeschlagenen Pfades verantwortlich sind.

Increasing returns

Unter „increasing returns“ versteht man die Überlegung, dass es wirtschaftlicher ist eine bekannte Lösung zu behalten oder weiterzuentwickeln, anstatt eine komplett neue Lösung zu suchen. Hat man erst einmal in eine Sache investiert und ein Ergebnis erhalten, fällt es schwer dieses wieder zu verwerfen, da das Ergebnis genutzt werden kann, auch wenn es nicht die perfekte Lösung ist.

Momentum

Unter „Momentum“ wird die Tatsache verstanden, dass um die vorhandene Lösung weitere Produkte oder Dienstleistungen entwickelt werden. So entwickelt sich ein wachsendes Ökosystem um die bestehende Lösung.

Lock-in Effekt

Die Weiterführung und Erweiterung einer bereits bekannten Lösung führen somit dazu, dass der begangene Pfad immer mehr weiterentwickelt und ausgetreten wird. Dies nennt man „Lock-in Effekt“. Dies führt zu einem Grad der Unumkehrbarkeit dem sich die Akteure immer weiter unterwerfen, ob sie es wollen oder nicht. Diese Strukturen sind nicht leicht zu durchbrechen.

Pfadabhängigkeiten entstehen demnach dadurch, dass der Auswahlprozess für eine Lösungsfindung durch historische Entscheidungen beeinflusst wird („history matters“). Dabei beeinflussen kleine Ereignisse in der Vergangenheit den Pfad und weitere Prozesse deterministisch, da die Zustände außerhalb des begonnenen Pfades unwahrscheinlich werden. Diese Theorie hat eine große Ähnlichkeit zur Evolutionstheorie, bei der durch Variation und anschließender Selektion ebenfalls ein Pfad der Unumkehrbarkeit beschritten wird.

Ein Beispiel: Bis in die 1910er-Jahre war keineswegs klar, ob sich Elektro-, Dampf-, oder Verbrennungsmotoren (Benzin, Diesel, Gas) für den Straßenverkehr durchsetzen würde. Im Jahr 1900 wurden in den USA rund 4200 Automobile gebaut. Davon wurden 1572 mit Strom betrieben, 1600 mit Dampf und 1028 hatten einen Verbrennungsmotor oder ein anderes Antriebskonzept. Heute wissen wir, dass sich der Verbrennungsmotor durchgesetzt hat. Um diesen Verbrennungsmotor hat sich ein großes Ökosystem entwickelt. Im Auto kamen Aggregate wie der Turbolader, eine Abgasanlage oder ein Kühlsystem hinzu, welche Teil dieser Pfadabhängigkeit sind. Des Weiteren bildete sich eine große Infrastruktur aus Pipelines, Tankstellen und Werkstätten um das Auto mit Verbrennungsmotor aus, welche ebenfalls Ergebnis der ersten Technologieentscheidung sind.

Pfadabbruch

Nun stellt sich natürlich die Frage wie ein solcher Pfad durchbrochen werden kann. Die Theorie der Pfadabhängigkeit besagt, dass es externe Schocks durch Entrepreneure oder Gesetzgeber benötigt, um Pfade zu unterbrechen und zu verlassen. Interne Prozesse können einen Pfad nur schwer verlassen, da sich aufgrund der Beharrungstendenzen eine sich selbst verstärkende Verriegelung einstellt. Es besteht somit nahezu keinen Platz für strategische und planvolle Beeinflussung der Pfadentwicklung durch die Akteure.

Pfadkreation und Ausbruch

Um einen Pfad zu kreieren oder aus einem bestehenden Pfad auszubrechen müssen die Akteure bewusst von den bekannten Regeln und Verfahren abweichen. Dabei ist aber keine beliebige Abweichung möglich. Fällt die Abweichung zu stark aus, so führt dies zu Ablehnung und Unverständnis. Ist die Abweichung zu gering, so führt dies zu keiner wesentlichen Neuerung. Aktuelle Strukturen müssen also so modifiziert werden, dass sie als Grundlage für einen neuen Pfad dienen können. Neben einer bewussten Abweichung gibt es weitere Herausforderungen. Zum einen muss der neue Pfad in Teile des alten eingebettet werden, zum anderen benötigt es eine Mobilisierung der Ressourcen als auch eine Übersetzung der Veränderung für ein Verständnis und eine höhere Akzeptanz.

Wie finden wir das globale Optimum?

Pfadabhängigkeiten sind lokale Optima. Wenn wir aber den maximalen Wohlstand bzw. die maximale Produktivität erreichen wollen, dann müssen wir uns anschauen wie wir ein globales Optimum auf Basis der Physik und der entwickelten Technologien finden können.

Mathematisch gesagt: Um mit Sicherheit sagen zu können, dass wir das globale Optimum gefunden haben, müssten wir alle Möglichkeiten der Parameter ausprobieren. Da uns dafür allerdings die Zeit fehlt brauchen wir gute Suchalgorithmen.

Ich bin großer Fan von den Büchern und Reden von Gunter Dueck, ehem. Mathematikprofessor, IBM Chief Technology Officer. Er beschreibt die Suche nach einem Optimum aus der Sicht einer Wandergruppe, welche den höchsten Gipfel erklimmen will, aber keine Karte besitzt.

Eine Wandergruppe auf der Suche nach dem höchsten Gipfel

Zu Beginn schauen sich die neugierigen und abenteuerlustigen Wanderer in der Nähe ihres Startpunkts um. Sie messen die Steigung und entscheiden sich in die Richtung mit der größten Steigung loszuziehen. Die Wandergruppe läuft demnach also immer bergauf, bis die Steigung null wird und somit ein Gipfel erreicht ist. Oben auf dem Gipfel angekommen wissen sie aber nicht, ob es sich um den höchsten Gipfel handelt. Sie machen es sich aber erstmal gemütlich und errichten ein Kiosk, verfestigen die Wege und genießen die Aussicht. Nun gibt es aber einen Wanderer in der Gruppe, dem ist das zu langweilig und er benötigt ein Abenteuer. Er zieht los und muss dabei natürlich erstmal wieder bergab steigen. In einem Tal angekommen entscheidet er sich in die andere Richtung bergauf zu laufen. Nach einiger Zeit ist auch er auf einem Gipfel angekommen, welcher aber noch viel höher ist als der Bisherige. Er beschließt umzukehren und die Wandergruppe vom neuen Berg zu überzeugen. Die Gruppe ist natürlich nicht begeistert, denn sie hat mittlerweile eine Seilbahn, Hotels und ein Gipfelkreuz errichtet, da will natürlich keiner erstmal wieder bergab steigen und auf einem anderen Berg mit der Errichtung der Infrastruktur von vorne beginnen. Die Wandergruppe steckt in einer Pfadabhängigkeit.

Während meines Studiums in Maschinenbau und Technologiemanagement kam die Theorie der Pfadabhängigkeit nicht vor. Lediglich das „innovators dilemma“ und „sunk costs“ kamen kurz zur Sprache. Ich bin aber davon überzeugt, dass das Verständnis für Pfadabhängigkeiten enorm wichtig ist. Es zeigt, dass Produktivitätssprünge und die Entdeckung neuer Gipfel notwendig sind, um das globale Optimum zu finden. Des Weiteren gibt es eine Erklärung für die Beharrungstendenzen der Akteure.

Abschließen möchte ich mit einem Rat von Gunter Dueck für alle Innovatoren und Entdecker neuer Pfade, wie man den Beharrungstendenzen am besten entkommen kann.

„Work underground as long as you can.” – Gunter Dueck

Ich freue mich, wenn ich dich mit den Erläuterungen zu Pfadabhängigkeiten inspirieren konnte und wenn du meinen Newsletter abonnierst, damit du keine weiteren Beiträge mehr verpasst.

Mit besten Grüßen

Leo Mattes