Leo MattesSpieltheorie des Lebens

Macht, Stärke und das Böse #4

4 Macht Stärke und das Böse

Im letzten Beitrag haben wir die Widersprüchlichkeit des endlichen Spiels und das Paradox des unendlichen Spiels betrachtet. In diesem Beitrag werden wir zwischen Macht, Stärke und dem Bösen unterscheiden.

Wie wir bereits wissen sind Titel Bestandteil eines endlichen Spiels, welches theatralisch ist. Jeder Titel hat zudem eine bestimmte zeremonielle Form der Ansprache und des Verhaltens. Dies sind etwa Präsidenten, Weltmeister, Professoren… Die Art und der Inhalt der Ansprache und die Art des Verhaltens sind Anerkennungen in den Bereichen, in denen betitelte Personen nicht mehr im Wettbewerb stehen.

Die Festlegung der Regeln und Grenzen ermöglicht es uns zu wissen, wie mächtig wir anderen gegenüber sind. Die Leistung im endlichen Spiel wird immer über messbare Vergleichseinheiten gemessen. Als Beispiel möchte ich hier Schulnoten oder Gehaltsklassen aufführen.

Macht und Titel im endlichen Spiel

Die Titel bringen eine Macht mit sich. Von den Menschen um die Titelträger herum wird erwartet, dass sie den Gewinn anerkennen und dass sie im Bereich der Arena, in der der Titel gewonnen wurde, nachgeben. Macht ist ein Konzept des endlichen Spiels. Macht entsteht durch die Betrachtung der Vergangenheit, denn Macht wird durch das Ergebnis eines Spiels bestimmt. Man gewinnt nicht, weil man mächtig ist, sondern man gewinnt, um mächtig zu sein.

Man kann nur durch den Besitz eines anerkannten Titels mächtig sein, und somit nur durch die zeremonielle Achtung anderer. Macht ist niemals die eigene. In dieser Hinsicht zeigt sie den Wiederspruch, der jedem endlichen Spiel innewohnt. Man kann nur die Macht haben, die einem andere geben und zustehen. Man ist somit von einem Publikum abhängig, welches nach dem Spiel die Macht verleiht. Macht ist widersprüchlich und theatralisch.

Selbstbeschränkungen

Wir sind frei am Theater der Macht teilzunehmen, denn alle Einschränkungen des endlichen Spiels sind Selbstbeschränkungen.

Macht ist nur ein Merkmal endlicher Spiele und kommt in einem unendlichen Spiel nicht vor. Aber wie gehen dann unendliche Spieler mit der Macht um? Das unendliche Spiel ist immer dramatisch und das Ergebnis bleibt immer offen. Es gibt dabei keine Möglichkeit zurückzublicken und die Macht oder die Schwäche früherer Spiele endgültig einzuschätzen. Unendliche Spieler freuen sich nicht auf einen Sieg, bei dem die Vergangenheit eine zeitlose Bedeutung erlangt, sondern auf ein kontinuierliches Spiel, bei dem die Vergangenheit eine ständige Neuinterpretation erfordert.

Stärke im unendlichen Spiel

Macht bezieht sich auf das, was bereits geschehen ist, und Stärke auf das, was noch passieren muss. Die Macht ist durch das Publikum limitiert, doch die Stärke kann nicht gemessen werden, da sie in die Zukunft gerichtet ist und nicht aus der Vergangenheit abgeleitet wird. Macht bezieht sich auf die Freiheit, die die Spieler innerhalb der Grenzen haben und Stärke auf die Freiheit, die Menschen gegenüber Grenzen haben. Die Macht wird immer auf eine kleine Anzahl an Titelträgern beschränkt sein, doch jeder kann stark sein.

Doch auch Stärke ist paradox. Man ist nicht stark, indem man andere zwingen kann etwas zu tun, was man sich im Spiel wünscht, sondern man ist stark, wenn man anderen die Freiheit gibt das zu tun was sie wollen, auch wenn man gerade mit ihnen ein Spiel spielt.

Obwohl jeder ein unendlicher Spieler sein kann, und obwohl jeder stark sein kann, dürfen wir aber nicht annehmen, dass Macht dem unendlichen Spiel keinen unheilbaren Schaden anrichten kann. Das unendliche Spiel kann das Böse nicht verhindern oder beseitigen. Unendliche Spieler sind zwar stark, doch sind sie nicht mächtig oder versuchen das zu werden.

Das Böse

Das Böse ist die Beendigung des unendlichen Spiels, welches in ungehörter Stille zu Ende geht. Unerhörte Stille bedeutet dabei nicht unbedingt den Tod eines Spielers, sondern die fehlende Möglichkeit das unendliche Spiel weiterzuspielen. Es ist zudem falsch, dass das Böse ein endliches Spiel beendet, denn endliche Spieler sind selbst diejenigen, die ein endliches Spiel freiwillig spielen und dies beenden wollen.

Das Böse ist somit nicht der Versuch das endliche Spiel nach den akzeptierten Regeln zu beenden, sondern das Spiel eines anderen unabhängig von den Regeln zu beenden. Das Böse ist somit nicht der Erwerb von Macht durch den Gewinn eines endlichen Spiels, sondern der Ausdruck von Macht. Es ist die erzwungene Anerkennung eines Titels eines Spiels auf dessen Regeln sich niemand geeinigt hat. Der Widerspruch des Bösen liegt darin, dass Anerkennung nicht erzwungen werden kann.

Unendliche Spieler verstehen die unausweichliche Wahrscheinlichkeit des Bösen und versuchen daher nicht das Böse in anderen zu beseitigen, denn dies wäre der Impuls des Bösen selbst und daher ein Widerspruch. Sie versuchen nur das Böse in sich selbst zu erkennen, das darin besteht, das Böse anderswo zu beseitigen.

Das Böse ist somit nicht die Einbeziehung endlicher Spiele in ein unendliches Spiel, sondern die Beschränkung aller Spiele auf das eine oder andere endliche Spiel.

Niemand kann allein spielen

Niemand kann ein Spiel allein spielen. Wir können nicht allein Mensch sein, denn sowohl im endlichen Spiel als auch im unendlichen Spiel beziehen wir uns auf ein Spiel mit anderen. Es gibt keine Gemeinschaft, ohne dass es auch Individuen gibt. Wir verhalten uns zu anderen nicht als die Personen, die wir sind, sondern wir sind, wie wir in Bezug auf andere handeln.

Nur das, was sich ändern kann, kann auch fortbestehen. Dieses Prinzip ist das, nachdem ein unendlicher Spieler lebt. Die Lebendigkeit unserer sozialen und damit persönlichen Existenz ist eine Eigenschaft unserer inneren Freiheit – der Art von Freiheit, die sich in der Formel „Wer spielen muss, kann nicht spielen“ ausdrückt.

Aus der Antifragilität wissen wir, dass auch sie den Satz „nur das, was sich ändern kann, kann auch fortgestehen“ abbildet, denn alles was sich nicht ändert ist entweder fragil und geht zugrunde oder robust und bleibt unverändert. Wir sehen auch hier eine klare Gemeinsamkeit zwischen der Antifragilität und des unendlichen Spiels.

Ich freue mich, wenn dir dieser Beitrag gefallen hat und du die Serie weiter verfolgst. Im nächsten Beitrag geht es um „Gesellschaft und Kultur #5“.

Hier gelangst du nochmal zum vorherigen Artikel „Unsterblichkeit & Verwundbarkeit #3„.

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Beste Grüße

Leo Mattes

Quellen:

James P. Carse – „Finite and Infinite games“ (Buch)