Leo MattesPraxeologie

Praxeologie: Das Kapital #13

Praxeologie Kapital

Wie schaffen wir Wohlstand? Sollen wir nur im gegenwärtigen Moment leben oder an die Zukunft denken?

Im letzten Beitrag haben wir uns mit den universellen Gesetzen der menschlichen Arbeit befasst. Wir haben gelernt, dass Arbeit mit einem negativen Nutzen für einen handelnden Menschen verbunden ist. Dieser negative Nutzen hängt von den subjektiven Zielen eines Menschen ab und bestimmt wie oft und wie lange er seine körperliche Energie einsetzt, um seine Wünsche zu befriedigen.

Wir haben auch gelernt, dass die Technologie keine Arbeitsplätze zerstört, sondern die Arbeit auf neue Wünsche, welche bisher unerfüllt blieben, umleitet. Und schließlich haben wir uns ein erstes Beispiel dafür angesehen wie die Praxeologie zur Interpretation der Geschichte verwendet werden kann.

Was ist Kapital?

Wir verstehen jetzt, dass das Land, die Natur und die Arbeit knapp sind und die Produktionsrate beschränkt ist. Wenn der Mensch darüber hinaus die Produktionsrate steigern will, so muss er sich auf einen Prozess einlassen welcher Zeit benötigt. Bei einem Produktionsprozess werden Güter in der Gegenwart hergestellt, aber zu einem späteren Zeitpunkt verbraucht. Diese Anhäufung von Zeit nennt man Kapital. Und die Waren werden Investitionsgüter genannt.

Die 3 Produktionsfaktoren

Kapital oder Zeit können austauschbar verwendet werden und sind das dritte und letzte Element der drei Hauptproduktionsfaktoren. Für die Herstellung eines Gutes müssen demnach drei Faktoren miteinander kombiniert werden:

  1. Das Land bzw. die Materialien. Die naturgegebenen Dinge.
  2. Die Arbeit. Das Element der menschlichen Energie.
  3. Die Zeit. Die Zeit welche für die Produktion benötigt wird.

In diesem Beitrag werden wir uns damit befassen, wie das Kapital gebildet wird. Zudem behandeln wir wie wichtig es ist den Lebensstandard der Menschen zu erhöhen. In unserem vorherigen Beitrag haben wir dargelegt wie die Praxeologie universelle Gesetze logisch kategorisiert und daraus ableitet. Und wir haben hergeleitet wie der Mensch seine Arbeit und sein Land einsetzt, um seine Wünsche zu erfüllen.

Wir beginnen zu verstehen, dass es einen Prozess mit mehreren Produktionsschritten benötigt bis die Konsumgüter konsumiert werden können. Diese Stufen werden als Fertigungsstufen bezeichnet. Um dies kurz zu veranschaulichen betrachten wir die Phasen der Herstellung eines Fischernetzes.

Die Herstellung eines Netzes

Zuerst muss man Äste fällen. Dann müssen die Fasern von den Zweigen getrennt werden. Dann werden die Fasern geschnürt und geflechtet, damit sie als Seile zusammenhalten. Sobald man genug Seile hergestellt hat, müssen sie so zusammengebunden werden, sodass sie ein Netz bilden. Wie wir sehen können werden in jeder Phase keine Konsumgüter, sondern Investitionsgüter, wie die Äste oder die Fasern, verwendet. Sie werden im Laufe der Zeit durch Arbeit in Güter späterer Fertigungsstufen umgewandelt, bis letztendlich das Fischernetz fertig produziert ist. Das Fischernetz ist die letzte Fertigungsstufe und stellt ein Konsumgut dar.

Crusoe auf einer einsamen Insel

Zur Veranschaulichung stellen wir uns Robinson Crusoe vor, der auf einer einsamen Insel gestrandet ist. Sein wichtigstes Bedürfnis ist es sich selbst zu ernähren. Er schaut sich um und findet mitten auf der Insel Fische in einem Teich. Also springt er ins Wasser und beginnt die Fische mit der Hand zu fangen.

Diese Fertigungsstruktur ist sehr kurz, da sein Fischfang nur eine Stufe von seinem Verlangen nach Fisch entfernt ist. Seine Fangrate ist jedoch sehr niedrig. Wenn Crusoe beschließen würde ein Netz anzufertigen, dann würde seine Fangrate enorm ansteigen. Das bedeutet aber auch, dass er sich auf einen längeren Fertigungsprozess einlassen muss, bevor er überhaupt Fisch essen kann. Um ein Netz zu bauen benötigt er 10 Tage. Währenddessen kann er jedoch keinen Fisch fangen, der ihn am Leben hält.

Ob ein Mensch seine Zeit und Energie in längere Fertigungsstufen investieren wird oder nicht, hängt allein von seiner Zeitpräferenz ab. Ob er demnach etwas sofort oder später bevorzugt. Crusoe wird sich entscheiden müssen, ob ihm eine Beschäftigung von zehn Arbeitstagen das Endprodukt wert ist. In unserem Beispiel ist dies das Fischernetz, welches eine erhöhte Fischproduktionsrate darstellt. Als Voraussetzung muss Crusoe jedoch gewillt sein seine Situation verbessern zu wollen. Zudem muss er der Ansicht sein, dass ihm ein Fischernetz wirklich beim Fangen von Fischen hilft.

Nun stellt sich für Crusoe die Frage, wie er es schafft ein Netz zu bauen, ohne während der Produktionsphase zu verhungern. Was Crusoe braucht, ist Zeit. Wenn er seinen ganzen Tag damit verbringt zehn Fische von Hand zu fangen, dann bedeutet der Aufbau eines Netzes, dass hundert Fische gespart werden müssen, um sich während des Produktionsprozesses selbst ernähren zu können.

Crusoe braucht für einen Fortschritt Kapital

Crusoe hat also zwei Möglichkeiten zu sparen. Er könnte jeden Tag ein paar Fische sparen, bis er einhundert Fische zur Seite gelegt hat. Oder er kann weniger Fische pro Tag fangen und nach und nach Zeit einsparen. In beiden Fällen geht er beim Sparen grundsätzlich auf die gleiche Weise vor. Crusoe beschließt, seinen gegenwärtigen Verbrauch zu reduzieren, damit er in Zukunft mehr konsumieren kann. Seine gesparten Fische repräsentieren sein Kapital.

Mit jedem Schritt bringt uns mehr Kapital dem Genuss von Konsumgütern näher. Derjenige, der über Kapital verfügt, ist viel früher dran sein gewünschtes Gut zu erreichen. Oder auf unser Beispiel bezogen: Crusoe ist mit 50 gesparten Fischen näher am Netz als mit 30 gesparten Fischen.

Wenn Crusoe nicht mehr den ganzen Tag mit fischen verbringen muss, so kann er mehr Zeit investieren, um andere Ziele zu erreichen. Er kann lesen, schreiben oder seine Freizeit anders genießen. Er könnte ein Haus bauen oder Kleidung für den Winter vorbereiten.

Sparen ist notwendig, um unseren Lebensstandard zu verbessern. Die Notwendigkeit zu sparen und Kapital anzulegen ist eine der wichtigsten Schlussfolgerungen aus dem Handelsaxiom und unterscheidet unseren Lebensstandard von dem der wilden Tiere.

Warum haben wir heutzutage so großen Wohlstand?

Das Konzept des Kapitals ist die Antwort darauf, wie und warum wir in einer so produktiven und komplexen und modernen Gesellschaft leben. Wir alle leben heute von den Früchten der Arbeit früherer Generationen. Dies bedeutet, dass unsere Welt das Ergebnis ist von Menschen, die vor uns gelebt und gespart haben. Unsere Vorfahren haben anstatt alles zu verkonsumieren Kapital gesammelt. Begonnen haben sie mit kleinen Schritten wie dem Sparen von Fischen. Nachdem das Essen gesichert war, konnten sie beginnen Werkzeuge wie ein Netz zu produzieren. Dies ging so weiter bis zu immer größeren Fertigungsstrukturen.

Wissen und Zeit

Wir leben in einer sehr komplexen Gesellschaft in der unsere Konsumgüter mehr als nur das Ergebnis des technologischen Fortschritts sind. Denn Technologie ist nur ein Rezept, wie wir unsere Ziele erreichen können. Selbst wenn Crusoe weiß, wie man ein Boot baut, um die Insel zu verlassen. So muss er zuerst seine dringendsten Bedürfnisse erfüllen. Diese sind nun mal sich selbst zu ernähren und in seiner Situation zu überleben.

Wir können uns nicht auf eine neue Technologie einlassen ohne zuvor für die Zeit der Entwicklung und der Produktion etwas angespart zu haben.

Wir sehen uns im nächsten Beitrag „Praxeologie: Kooperation und Arbeitsteilung #14„.
Hier geht’s nochmal zum letzten Beitrag „Praxeologie: Die menschliche Arbeit #12„.

Wenn du keinen Beitrag verpassen willst, dann abonniere gerne meinen Newsletter.

Beste Grüße

Leo Mattes

Quellen:

Ludwig von Mises – Nationalökonomie, Theorie des Handelns und Wirtschaftens (Buch)

Praxeologie auf Wikipedia