Leo MattesPraxeologie

Praxeologie: Kooperation und Arbeitsteilung #14

Praxeologie Kooperation und Arbeitsteilung

Wer gewinnt oder verliert in einem Tausch? Woher wissen wir, dass beide Parteien von einem freiwilligen Austausch profitieren? Was bringen uns Kooperationen und Arbeitsteilungen?

In unserem letzten Beitrag haben wir uns mit dem Konzept der Kapitalbildung befasst. Wir haben gelernt, dass der Mensch sich auf einen Sparprozess einlassen muss, um Projekte anzutreiben, die ihm helfen seinen Lebensstandard zu verbessern. Praxeologische Schlussfolgerungen gelten für alle menschlichen Handlungen. Bisher haben wir uns auf das einzelne Individuum beschränkten. Eine Abwägung oder eine Entscheidung lag bisher bei dem einzelnen Individuum selbst.

In diesem Beitrag werden wir untersuchen was zwischen zwei oder mehr Personen geschieht. Wie wir in früheren Beiträgen gesehen haben ist das Handeln immer ein Abwägen zwischen mehreren Alternativen. Für den Einzelnen bedeutet jede Handlung demnach auf etwas zu verzichten was er stattdessen hätte tun können.

Bei zwei oder mehr Personen, die an einem Handel teilnehmen, gelten die gleichen Grundsätze. Schauen wir uns ein Beispiel an, das die verschiedenen Arten des Austauschs definiert.

Autistischer und zwischenmenschlicher Tausch

Damit wir mehrere Personen mit der Logik des menschlichen Handelns betrachten können, müssen wir zunächst ein paar Definitionen machen. Doch davor ein kurzes Beispiel: Wenn ich mich dazu entscheide einen Schal herzustellen, dann entscheide ich mich gleichzeitig dagegen andere Dinge zu tun, wie etwa einen Film zu schauen oder ins Schwimmbad zu gehen. Wir nennen diesen Austausch einen autistischen Austausch.

Wenn zwei Menschen miteinander interagieren, dann nennen wir dies zwischenmenschlicher Austausch. Bei einem zwischenmenschlichen Austausch gibt es zwei Kategorien: Gewaltsam und friedlich. Ein Geschenk und ein freiwilliger Austausch sind friedlich. Gewaltsames Handeln ist eine andere Art des zwischenmenschlichen Austauschs, wie etwa Krieg, ein Angriff, ein Mord oder Sklaverei. Bei einem gewaltsamen und unfreiwilligen Austausch profitiert nur eine Seite.

Im Falle eines freiwilligen Austausches ist dies anders, denn beide Seiten entscheiden sich zusammenzuarbeiten. Ein freiwilliger Austausch findet statt, weil jeder das, was er bekommt mehr wertschätzt, als das was er dafür hergeben muss.

Ein freiwilliger Austausch kommt demnach zustande, wenn die Werteskalen beider Seiten unterschiedliche geordnet sind. Ein Beispiel: Wenn ich meinen Schal gegen eine Jacke eintausche, dann ist mir die Jacke wichtiger als mein Schal. Mein Tauschpartner empfindet jedoch den Schal als wichtiger als die Jacke. Auf meiner Werteskale hat die Jacke eine höhere Ordnung als der Schal, während mein Tauschpartner den Schal als wichtiger erachtet als die Jacke.

Diese verschiedene Bewertung der Waren muss vorliegen, damit ein freiwilliger Austausch stattfinden kann. Andernfalls würde kein freiwilliger Austausch stattfinden. Daher können wir sagen, dass bei einem freiwilligen Austausch jeder Teilnehmer logischerweise vom Tausch profitieren muss.

Ein freiwilliger Austausch bedeutet eine Win-Win-Situation

Eine solcher gegenseitiger Austausch zwischen zwei oder mehreren Individuen bildet eine Gesellschaft und die gegenseitigen Bedürfnisse werden befriedigt. Aus der Tatsache, dass zwei Parteien an einem freiwilligen Austausch teilnehmen können wir auch ableiten, dass beide Parteien zwei verschiedene Waren anbieten müssen. Denn wenn der Fremde bereits einen identischen Schal hat, dann gäbe es keinen Grund ihn auszutauschen. Auch wenn beide Seiten Jacken und Schale produzieren würden, so müsste es zumindest einen Unterschied in der Menge oder der Qualität an Jacken und Schals geben, damit beide die Möglichkeit haben bei einem Tausch zu profitieren.

Jeder Tauschpartner ist spezialisiert

Ein freiwilliger Tausch bedeutet demnach auch, dass beide Seiten in ihrem Angebot spezialisiert sind. Der Austausch impliziert daher eine Spezialisierung der Produktion oder eine Arbeitsteilung. Das Phänomen der Arbeitsteilung ist eine bewusste und vernünftige Reaktion von Personen, die die Vorteile des Austauschs mit ihren Mitmenschen erkannt haben. Wir werden in eine Welt hineingeboren, in der die Natur uns in einen Zustand der Ungleichheit versetzt. Menschen haben unterschiedliche natürliche Fähigkeiten verschiedene Aufgaben besser auszuführen als andere.

So ist Johannes vielleicht besser als Paul im Weizen anbauen. Und Paul kann besser als Johannes Kuhmilch melken. Oder aber Johannes und Paul wurden einfach an verschiedenen geografischen Orten geboren an welchen sich die Nutzbarkeit des Landes unterscheidet. Aufgrund dieser Unterschiede zwischen den natürlichen Fähigkeiten des Menschen und den natürlichen Eigenschaften verschiedener Orte, stellen wir fest, dass Individuen produktiver sind, wenn sie sich auf die Ausführung einer bestimmten Aufgabe und den Austausch mit anderen spezialisieren, anstatt einzelne Aufgaben als autarke Individuen auszuführen.

Zuerst spezialisieren sich die Menschen und anschließend handeln sie. Es ist für eine Gruppe von Einzelpersonen weitaus effizienter, sich auf die Herstellung einer Ware zu spezialisieren, anstatt zu versuchen verschiedene Waren herzustellen.

Wenn Johannes in der Landwirtschaft besser ist als Paul und Paul in der Produktion von Kuhmilch besser ist als Johannes, dann wird es beiden besser gehen, wenn Johannes sich ganz auf die Landwirtschaft konzentriert und Paul sich ganz auf die Produktion von Kuhmilch konzentriert und sie mit ihren jeweiligen Produkten handeln.

Was, wenn eine Seite in allem produktiver ist?

Es gibt Situationen in denen eine Person einem potenziellem Handelspartner in allen Bereichen überlegen ist. Wenn demnach Paul sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Produktion von Kuhmilch besser als Johannes wäre, so würde sich die Frage stellen, ob es für Paul überhaupt Sinn macht mit Johannes zu tauschen.

Wir werden am folgenden Beispiel sehen, dass es für die in allen Bereichen überlegene Person dennoch Sinn ergibt zu kooperieren. Dazu betrachten wir im Folgenden ein Beispiel in 3 Phasen. Zuerst den Ausgangszustand, dann die sinnvolle Produktionsanpassung vor dem Tausch und als drittes das Ergebnis nach dem Tausch. Jeder der drei Schritte kann in einer Tabelle nachvollzogen werden.

Der Ausgangszustand

Angenommen Paul stellt an einem Tag in 12 Stunden 12 Säcke Weizen und in den weiteren 12 Stunden 6 Liter Milch her, während Johannes in den ersten 12 Stunden nur 6 Säcke Weizen und in den weiteren 12 Stunden nur 2 Liter Milch herstellt. Wenn Paul und Johannes beide isoliert in diesem Tempo arbeiten, werden insgesamt 18 Säcke Weizen und 8 Liter Milch gemolken.

Vor einer ZusammenarbeitWeizenMilch
Paul12 Säcke6 Liter
Johannes6 Säcke2 Liter
Gesamt18 Säcke8 Liter

Wenn wir beide Individuen isoliert betrachten, können wir sagen, dass die Kosten für Paul für jeden Liter Milch doppelt so hoch sind als für einen Sack Weizen. (2 Stunden für einen Liter Milch, 1 Stunde für 1 Sack Weizen)  Ebenso sind die Opportunitätskosten für Johannes für jeden Liter Milch dreimal so hoch wie für einen Sack Weizen. (6 Stunden für einen Liter Milch, 2 Stunden für eine Sack Weizen)

Sinnvolle Produktionsanpassung

Paul, der in der Produktion beider Produkte überlegen ist, hat aber immer noch die Möglichkeit, seine Produktivität durch einen Tauschhandel zu steigern, indem er Johannes folgendes vorschlägt: Johannes kann seine Produktion umstellen und sich auf das konzentrieren, was er am besten kann. Er stoppt somit seine Milchproduktion vollständig und produziert nur noch Weizen. Er widmet sich nun 24 Stunden am Tag der Weizenproduktion, um mit Paul Handel zu betreiben. Dadurch kann Paul seine Weizenproduktion verlangsamen und mehr Zeit für die Milchproduktion vor dem Handel mit Johannes aufwenden. Er produziert nun 8 Stunden lang Weizen und 16 Stunden lang Milch und bekommt dadurch 8 Säcke Weizen und 8 Liter Milch.

Nach der Zusammenarbeitund vor dem TauschWeizenMilch
Paul8 Säcke8 Liter
Johannes12 Säcke
Gesamt20 Säcke8 Liter

Wenn Paul und Johannes tauschen, dann kann Paul 2 Liter Milch als Gegenleistung für 5 Säcke Weizen von Johannes eintauschen. Johannes hat jetzt 7 Säcke Weizen und 2 Einheiten Milch. Fassen wir nun die neue Produktion von Paul und Johannes zusammen.

Das Ergebnis nach dem Tausch

Nach der Zusammenarbeit und nach dem TauschWeizenMilch
Paul13 Säcke6 Liter
Johannes7 Säcke2 Liter
Gesamt20 Säcke8 Liter

Vor der Zusammenarbeit wurden 18 Säcke Weizen und 8 Liter Milch produziert. Nach der Zusammenarbeit wurden 20 Säcke Weizen und 8 Einheiten Milch produziert. Welches Wachstum können wir aus diesem Beispiel gewinnen? Genau 2 weitere Säcke Weizen, 1 weiteren Sack Weizen für Paul und 1 weiteren Sack für Johannes.

Und all das ohne den Einsatz einer weiteren Technologie oder zusätzlichem Kapital. Alles was dazu nötig ist sind zwei Personen, die den Vorteil einer gegenseitigen Spezialisierung und den Vorteil eines Tausches erkennen. Dieser wichtige Grundsatz, dass der Austausch auch dann von Vorteil ist, wenn eine Partei der anderen in beiden (allen) Produktionsverfahren überlegen ist, ist von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der Vorteile einer freiwilligen Kooperation und für die Entwicklung einer Gesellschaft.

Wenn eine Partei bei der Herstellung beider Waren der anderen überlegen ist, so sollte sie sich auf die Herstellung der Waren konzentrieren, bei denen sie gegenüber der anderen Partei den größten Vorteil hat. In unserem Beispiel sollte sich demnach Paul auf die Produktion von Milch konzentrieren.

Ein Chirurg und sein Assistent

Ein Chirurg ist sowohl in der Chirurgie als auch in der Reinigung seiner Instrumente besser als sein Assistent. Aber weil er in der Chirurgie viel besser ist als beim Reinigen von Instrumenten, ist es für ihn von Vorteil, den Assistenten damit zu beauftragen die Instrumente zu pflegen und sich selbst ganz auf die Operationen zu konzentrieren.

Dieser Zusammenhang ist als das Gesetz der Arbeitsteilung und der Kooperation bekannt.

Wie bereits erwähnt, bildet das Netzwerk des freiwilligen zwischenmenschlichen Austauschs eine Gesellschaft. Es bilden sich Wechselbeziehungen aus, welche als Markt bekannt sind. Dieses Netzwerk eröffnet dem Menschen die Möglichkeit sich an der Produktion und einem Tausch zu beteiligen.

Zunehmende Spezialisierung

Damit ein Mensch nicht nur für sich selbst, sondern für einen Markt produzieren kann, haben wir gelernt, dass eine unterschiedliche Spezialisierung der Menschen und dem Land notwendig ist, damit ein Austausch überhaupt erst sinnvoll wird. Uns wird auch klar, dass eine Arbeitsteilung die Menschen immer weiter in die Spezialisierung treibt und dass diese ungleichen Fähigkeiten durch die Bedürfnisse am Markt noch weiter verstärkt werden. Die Arbeitsteilung führt dazu, dass einige Orte zu Städten geworden sind und andere Orte Ackerland blieben.

Insgesamt führt dies dazu, dass Menschen zu Spezialisten für einen bestimmten Beruf werden. Mit unserer Theorie des Austauschs können wir nun unsere Welt um uns herum besser verstehen. Den Wert und die Notwendigkeit der Arbeitsteilung für unseren heutigen Wohlstand können wir nun klar betonen.

Wo früher die meisten Ärzte Allgemeinmediziner waren, gibt es heute sehr spezialisierte Ärzte, die nur eine Art von Krankheit behandeln. Wo einst ein Schuhmacher nur eine Art von Schuhen herstellte, haben wir jetzt Unternehmen, die sich nur der Herstellung eines bestimmten Schuhtyps für eine bestimmte Sportart widmen.

Jeder Schritt auf dem Weg zu einem Markt, der die meisten Wünsche erfüllt, erfordert eine spezialisierte, verfeinerte und produktivere Technologie und dies erfordert wiederum eine weitere Spezialisierung der Aufgaben.  

Was arbeitest du?

Wenn wir heutzutage jemanden treffen, dann fragen wir ihn normalerweise „was arbeitest du“? Dies ist ein offensichtlicher Effekt der zunehmenden Spezialisierung in unserer Gesellschaft. In primitiven Zeiten wäre die Antwort höchstwahrscheinlich für jeden Einzelnen dieselbe gewesen. Etwa so: „Ich bin Landwirt, habe Hühner und Kühe sowie einen Gemüsegarten.“ Aber heute haben wir eine große Vielfalt an Jobs.

Der Markt kommt allen zugute, auch denen, die in allen möglichen Produktionsprozessen unterlegen sind. Dies passiert alles auf wundersame Weise unabhängig der unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen. Johannes mag Paul absolut verabscheuen, aber da er erkennt, dass es ihm besser geht, wenn er mit ihm kooperiert hat er einen Anreiz seinen Mitmenschen mit Respekt zu begegnen.

Zusammenfassung

Ein freiwilliger und somit friedlicher Austausch bietet allen Menschen eine Atmosphäre ihre gemeinsamen Werte zu erkennen und Freunde zu werden. Die Konzepte des Austauschs, der Arbeitsteilung und der freiwilligen Kooperation sind für das Verständnis wie Wohlstand, Wachstum und Frieden entstehen absolut notwendig. Isolation und Gewalt führen zu Misstrauen und Ablehnung und niemals zu Wohlstand und Frieden.

Wir sehen uns im nächsten Beitrag „Praxeologie: Das Geld #15„.
Hier geht’s nochmal zum letzten Beitrag „Praxeologie:Das Kapital #13„.

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Beste Grüße

Leo Mattes

Quellen:

Ludwig von Mises – Nationalökonomie, Theorie des Handelns und Wirtschaftens (Buch)

Praxeologie auf Wikipedia