Leo MattesSpieltheorie des Lebens

Publikum und Zeit #9

Publikum und Zeit

Im letzten Beitrag haben wir die endliche Sexualität, die sich auf den Körper bezieht und die unendliche Sexualität, die sich auf eine Person bezieht, voneinander abgegrenzt. Zudem haben wir das Genie in jedem von uns näher betrachtet. In diesem Beitrag werden wir uns das Publikum und die Zeit sowohl im endlichen Spiel als auch im unendlichen Spiel anschauen.

Wir haben bereits festgestellt, dass ein endliches Spiel ein Publikum benötigt, das den Titel und den Gewinner anerkennt und ihm dadurch Macht zuteilt. Dadurch muss ein Publikum in die Ereignisse des endlichen Spiels aufgenommen werden. Dies zeigt uns die entscheidende Wechselwirkung des endlichen Spiel mit der Umgebung.

Wir können dies zum Beispiel bei einem Torjubel im Stadion beobachten. Ein Torschütze lässt sich vom Publikum feiern, obwohl dieses vorerst mit dem Spiel überhaupt nichts zu tun hat. Doch erst durch das Publikum bekommt das Spiel seine Wichtigkeit und eine Anerkennung, nach der der Spieler strebt.

Publikum und Bühne

Endliche Spieler brauchen für das Selbstverständnis eine absolute Referenz, die sie im Publikum finden. Gleichzeitig braucht das Publikum eine Bühne, damit es ein Publikum bleibt.

Es gibt eine unbestimmte Anzahlen an Welten bzw. an Wettbewerben und somit auch an Publikum. Es ist nicht einmal erforderlich, dass ein Publikum anwesend ist, da die Spieler bereits ihr eigenes Publikum sind. Ein ernsthafter endlicher Spieler wird in einem Wettbewerb zu seinem eigenen Beobachter indem er es sich selbst beweisen will und muss.

So kann man kein endlicher Spieler sein, ohne nicht gegen sich selbst gespalten zu sein, da man die Regeln, an denen man sich misst, selbst festgelegt hat. Eine ähnliche Dynamik können wir im Publikum erkennen. Wenn das Publikum vergisst, dass es nur Teil eines endlichen Spiels ist, so vergessen sie ihre Rolle und vertiefen sich in ihr Verhalten, sodass sie das Gefühl der Distanz zwischen sich und den Spielern verlieren.

Wir können dies ebenfalls in einem Stadion gut beobachten. Die Fans sind oftmals in der gleichen Stimmung wie die Spieler und fühlen sich als Teil der Mannschaft. Das Publikum steht in einer Wechselwirkung mit den Spielern durch Fangesänge und erhöhtem Engagement. „Echte“ Fans leiden mit ihrem Verein mit. Dabei haben sie das endliche Spiel komplett verinnerlicht und vergessen, dass sie die Verbindung zu einem Verein selbst entschieden haben.

Das Publikum nimmt in sich die gleiche Einstellung an, die die Spieler dazu bewegt ihre Leistung zu zeigen, damit sie nicht das sind, was sie denken, was andere denken, dass sie sind.

Unendliche Spieler im endlichen Publikum

Unendliche Spieler können sich einer beliebigen Anzahl an endlichen Spielen anschließen und auch das Publikum sein. Sie tun dies jedoch in dem Bewusstsein, dass sie ein Publikum sind. Das unendliche Spiel bleibt für den endlichen Beobachter jedoch unsichtbar. Endliche Zuschauer suchen nach einem Abschluss und nach Möglichkeiten, wie die Spieler das Spiel beenden können.

Zeit im endlichen und unendlichen Spiel

Für den endlichen Spieler ist die Freiheit eine Funktion der Zeit. Denn er muss im Spiel Zeit haben, um frei zu sein. Denn wenn die Zeit abläuft, dann steht das Ergebnis fest und er ist entweder Gewinner oder Verlierer.

Der unendliche Spieler jedoch verbraucht keine Zeit, sondern erzeugt sie. Da das unendliche Spiel dramatisch ist und keine geskripteten Rollen enthält, ist die Zeit eine gelebte Zeit und keine betrachtete Vergangenheit. Für einen unendlichen Spieler vergeht keine Zeit, denn jeder Moment ist für ihn ein Ereignisses und kein Ende. Er betrachtet die Zeit nicht als etwas Quantitatives, sondern als Qualität. Unendliche Spieler können nicht sagen, wie viel sie in ihre Arbeit oder in ihre Liebe investiert haben. Sie wollen nicht feststellen, wann es vorbei ist, sondern nur, was daraus wird.

Für den endlichen Spieler in uns ist die Freiheit eine Funktion der Zeit. Er muss noch Zeit haben, um frei zu sein. Für den unendlichen Spieler ist die Zeit eine Funktion der Freiheit, denn er hat Zeit, um frei zu sein. Ein endlicher Spieler bringt das Spiel in die Zeit, während ein unendlicher Spieler die Zeit in das Spiel bringt.

Unsterblichkeit und „ewige Geburt“

Wenn das Ziel des endlichen Spiels darin besteht durch Titel Unsterblichkeit zu erreichen, so ist die Motivation des unendlichen Spiels die paradoxe Auseinandersetzung mit der Zeit und der „ewigen Geburt“ immer mehr Momente.

Ich freue mich, wenn dir dieser Beitrag gefallen hat und du die Serie weiter verfolgst. Im nächsten Beitrag geht es um „Die Natur, die Stille und die Sprache #10“.

Hier gelangst du nochmal zum vorherigen Artikel „Berührung, Eroberung und Sexualität #8„.

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Beste Grüße

Leo Mattes

Quellen:

James P. Carse – „Finite and Infinite games“ (Buch)