Leo MattesPfadabhängigkeiten

Technologiesprünge als Auslöser von Wirtschaftskrisen

In den ersten Beiträgen habe ich zunächst eine Utopie für den maximalen Wohlstand hergeleitet und anschließend weitere Erläuterungen zur maximalen Produktivität gegeben. Weitere wichtige Artikel behandeln die Eigenschaften von Pfadabhängigkeiten und die Eigenschaften von Technologiekurven.

In den bisherigen Beiträgen haben wir schon ein paar Eigenschaften von Technologiesprüngen behandelt. Technologiesprünge führen zu einer Veränderung der Wertschöpfungsketten. Können sie dadurch auch Ursache für große Wirtschaftskrisen werden? Dieser Frage gehe ich in diesem Beitrag nach.

Was ist eine Wirtschaftskrise?

Ich definiere eine Wirtschaftskrise als einen Zustand der Wirtschaft in dem viele Teilnehmer ihre Schulden und Kredite nicht mehr bezahlen können. Dies können sowohl Privatpersonen oder Unternehmen sein. Die Tilgung des Fremdkapitals ist für viele Teilnehmer ein Problem, da die Einnahmen zu gering bzw. die Kosten zu hoch sind.

Wenn sich die Rahmenbedingungen eines Unternehmens ändern, so kann dies folgende Gründe haben:

  • Die Kosten zur Herstellung des Produkts oder der Dienstleistung sind zu hoch und nicht wettbewerbsfähig
  • Es können keine hohen Margen verlangt werden aufgrund von großem Wettbewerbsdruck
  • Der Markt für das Produkt oder die Dienstleistung hat sich verkleinert und die Nachfrage sinkt

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Geldflüsse nicht mehr über das Unternehmen fließen, welches in die Krise geraten ist.

Wettbewerbsnachteile und Kostendrücke sind aber in einem Markt Normalität und nichts Besonderes. Ständige Prozessoptimierungen und Orientierung am Wettbewerb heben die Produktivität und senken die Kosten, sodass die Wettbewerbsfähigkeit wiederhergestellt wird.

Ein Technologiesprung hat nun folgende Eigenschaften:

  • Höheres Produktivitäts- oder Leistungsniveau
  • Veränderung der Wertschöpfungsketten/Veränderung der Geldflüsse
  • Neue Technologie benötigt anderes Wissen als die alte Technologie

Wenn wir nun die Probleme des Unternehmens und die Eigenschaften von Technologiesprüngen gegenüberstellen, so erkennen wird, dass Technologiesprünge Auslöser für Unternehmenskrisen sind.

Das Problem, das sich stellt, ist folgendes:

Das Unternehmen, welches die neue Technologie auf den Markt bringt, hat bereits viele Jahre Erfahrung mit der Entwicklung und der Produktion sammeln können. Ebenso betrifft dies Veränderungen oder Anpassungen bisheriger Geschäftsmodelle.

Das Unternehmen, welches die alte Technologie entwickelt, hat allerdings keine Erfahrung mit der Entwicklung der neuen Technologie. Die neuen Wertschöpfungsketten müssen erst mühsam von vorne aufgebaut werden.

Ebenso ist die neue Technologie sehr viel produktiver und effizienter, sodass viel weniger Ressourcen benötigt werden, um die gleiche Leistung zu erbringen.

Es ist also nicht einfach die Wettbewerbsnachteile auszugleichen.

„Jede Gesellschaft bedarf, um zu funktionieren, eines Kommunikationsmittels, einer Energiequelle und einer Form von Mobilität.“ – Jeremy Rifkin in Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft

Ein Überblick über die bisherigen industriellen Revolutionen und deren Basistechnologien gibt es hier im Beitrag über die Energie-Transport-Informationsmatrix.

Nun komme ich auf die Wirtschaftskrise zurück. Was muss passieren, dass nicht nur ein Unternehmen, sondern viele Unternehmen gleichzeitig in eine Krise geraten?

Die Antwort ist einfach. Ein Strukturwandel, welcher auf den Veränderungen von Basistechnologien und der Energie-, Informations-, Transport-, und Geldflüssen basiert, führt dazu, dass sich viele Wertschöpfungsketten ziemlich schnell verändern. Fehlinvestitionen müssen abgeschrieben werden und Vermögenswerte sinken. Die Unternehmenspleiten steigen und damit auch die Arbeitslosigkeit. Somit können auch viele Privatpersonen ihre Kredite nicht mehr tilgen. Die Arbeitskräfte können aber nicht einfach in die neuen aufstrebenden Wertschöpfungsketten integriert werden, denn sie haben noch nicht das benötigte Know-How. Zudem sind die neuen Wertschöpfungsketten produktiver als die alten Wertschöpfungsketten – sonst hätten sie sich nicht durchgesetzt – was bedeutet, dass insgesamt weniger Personal zur Ausführung der wertschöpfenden Tätigkeiten benötigt wird. Hinzu kommt, dass ein Strukturwandel immer auch mit Machtinteressen und Machtverlusten einhergeht, weshalb er von der herrschenden Struktur möglichst bekämpft wird und sich oftmals nicht dort am schnellsten durchsetzt wo die Unternehmen der herrschenden Struktur sitzen.

Historischer Einschub: 

Mit der Einführung der Fließbandproduktion im Jahr 1913 brachte Ford einen radikalen Umbruch in der neu entstehenden Autoindustrie, [1] Autobahnen entstanden, die Öl- Industrie kam groß auf. 1923 begann die Entwicklung des ersten automatischen Fernwählsystems in Deutschland. [2] Ebenfalls gilt 1923 als die Geburtsstunde des deutschen Rundfunks. [3]

Transport: Von der Eisenbahn zum Automobil

„Die Eisenbahngesellschaften hatten kein Interesse an der Konkurrenz durch einen zunehmenden motorisierten Individualverkehr. Möglicherweise waren sie es, zusammen mit der Lobby der Pferdefuhrwerksbetreiber, die in England den Red Flag Act oder Locomotive Act durchsetzten, eine Reihe von Gesetzen, die 1865 in Kraft traten und unter anderem vorschrieben, dass jedem Automobil ein Mann voranlaufen musste, der in ein Horn blies und eine rote Fahne schwenkte.“ [4]

Energie: von Kohle- und Dampfkraft zum Öl

„1922 erreichte man die höchste Beschäftigtenzahl im Ruhrbergbau mit 576.644 Beschäftigten. In den 1920er Jahren wurden insbesondere in den Krisenjahren 1925 und 1931 viele unrentable Zechen stillgelegt.“ [5]

Information: von Zeitungen und Telegraphen zum Radio und Telefon

„Die 1920er-Jahre waren ein Höhepunkt in der Zeitungsgeschichte: Weil das Radio noch in den Kinderschuhen steckte und das Fernsehen noch lange nicht zur Marktreife entwickelt war, genossen Zeitungen als Massenmedien quasi eine Monopolstellung. Die große Zeit der Zeitungen war vor der Einführung und Verbreitung des Radios.“ [6]

1929 folgte die Weltwirtschaftskrise.

Da Technologiesprünge uns aufgrund des Produktivitätswachstums aber langfristig zum maximalen Wohlstand bringen, sind diese Strukturkrisen notwendig, auch wenn sie für viele Unternehmen und Privatpersonen erstmal wirtschaftliche Unsicherheit bedeuten.

Ich freue mich, wenn ich dich mit diesem Beitrag inspirieren konnte und wenn du meinen Newsletter abonnierst, damit du keine weiteren Beiträge mehr verpasst.

Mit besten Grüßen

Leo Mattes

[1] Ford

[2] Geschichte des Telefonnetzes

[3] Geschichte des Hörfunks

[4] Geschichte des Automobils

[5] Ruhrbergbau

[6] Geschichte der Zeitung