Leo MattesSpieltheorie des Lebens

Überraschungen als Ende oder als Transformation #2

Überraschungen als Ende oder als Transformation

Im letzten Beitrag haben wir uns die Grundlagen des endlichen und des unendlichen Spiels angeschaut. In diesem Beitrag wird es um Überraschungen gehen, die auf der einen Seite endliche Spiele beenden und auf der anderen Seite unendliche Spiele fortsetzen in einer Art, die nicht vorhersehbar war.

Zu Beginn eines endlichen Spiels muss jeder Spieler eine Rolle bzw. eine Position mit einer gewissen Ernsthaftigkeit einnehmen. Die Spieler müssen sich selbst als die Rolle sehen, was bei einer ernsthaften Ausübung dazu führt, dass die Spieler für andere glaubwürdig wirken. Es kann dabei vorkommen, dass sie vergessen, dass sie nur eine Rolle spielen und daher auch vor sich selbst glaubwürdig sind.

Rollen und Verschleierung

Kein endliches Spiel kommt ohne diese Rollen und die Verschleierung aus. Die Frage dabei ist, ob wir jemals dazu bereit sind den Schleier des Rollenspiels fallen zu lassen und offen anerkennen, wenn auch nur uns selbst gegenüber, dass wir uns frei entschieden haben der Welt durch eine Maske zu begegnen, indem wir uns für das endliche Spiel entschieden haben.

Da endliche Spiele innerhalb eines unendlichen Spiels gespielt werden können, meiden unendliche Spieler die auszuführenden Rollen des endlichen Spiels nicht. Im Gegenteil, sie treten in endliche Spiele ebenso mit einer entsprechenden Energie und Selbstverschleierung ein, doch sie tun dies ohne den Ernst endlicher Spieler. Sie verstehen die Abstraktheit endlicher Spiele und nehmen sie daher spielerisch auf.

Sie verwenden die Masken und Rollen in ihren Interaktionen, aber vergessen dabei nicht, dass sie selbst und die anderen maskiert sind. Aus diesem Grund betrachten sie jeden Spieler im endlichen Spiel als die Person, die spielt, und nicht als eine Rolle, die gespielt wird.

Unendliche Spieler sind konkrete Personen, die sich mit konkreten Personen beschäftigen, indem sie sich auf andere beziehen, während sie sich aus ihrer eigenen Freiheit heraus und nicht aus den abstrakten Anforderungen einer Rolle heraus bewegen.

Aus diesem Grund kann ein unendliches Spiel nicht abstrahiert werden, da es nicht Teil des Ganzen ist, das sich als Ganzes präsentiert, sondern das Ganze selbst.

Theatralisches und dramatisches Spiel

Da ein endliches Spiel zu einem Ende kommt und die Rollen wie für ein Publikum geschrieben sind und aufgeführt werden, werden wir das endliche Spiel als ein Theaterspiel und als theatralisch bezeichnen. Das unendliche Spiel hingegen, das jegliches Ergebnis vermeidet und die Zukunft offenhält, werden wir als Drama und dramatisch bezeichnen.

So entscheidet man sich zum Beispiel im unendlichen Spiel dafür Vater/Mutter zu sein, während man im endlichen Spiel die Rolle des Vaters/ der Mutter übernimmt und evtl. sogar spielen muss.

In einem endlichen Spiel gehorcht man den Regeln und den Rollenvorschriften, um zu spielen, doch das Spielen besteht nicht nur darin die Regeln zu befolgen. Die Tatsache, dass das Ergebnis nicht bekannt ist, macht es zu einem echten Spiel. So ist jedes endliche Spiel während dem Spiel noch dramatisch, da das Ergebnis noch unbekannt ist, doch es wird dadurch theatralisch, indem es ein Ergebnis bekommt.

Jeder endliche Spieler möchte während des Spiels sein Drama beseitigen und möglichst schnell zu einem Ergebnis kommen, indem er ein bevorzugtes Ende unvermeidlich macht. Es ist der Wunsch aller endlichen Spieler Meister zu werden und so perfekt in ihrem Spiel zu sein, dass sie dabei nichts überraschen kann. Sie möchten dabei so perfekt vorbereitet und trainiert sein, dass jeder Zug im Spiel zu Beginn bereits geplant ist. Ein echter Meister spielt so, als ob das Spiel bereits in der Vergangenheit liegt und er nur einem Skript folgen muss, das bereits jedes Detail vor dem Spiel kennt.

Überraschungen im endlichen Spiel

Die Überraschung ist demnach ein entscheidendes Element in endlichen Spielen. Wenn der endliche Spieler nicht dazu in der Lage ist jeden Zug des Gegners zu kontern, so erhöhen sich mit Sicherheit seine Verlustchancen. Indem der endliche Spieler seinen Gegner überrascht, wird er höchstwahrscheinlich gewinnen. Eine Überraschung im endlichen Spiel ist somit der Triumpf der Vergangenheit über die Zukunft, denn der Meister-Spieler, der bereits weiß, welche Züge auszuführen sind, hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem unvorbereiteten Spieler, der noch nicht weiß, welche Züge ausgeführt werden sollen. Durch ein Ende des endlichen Spiels kommt es zudem zu einer Unwiederholbarkeit des Spiels.

Ein endlicher Spieler ist somit geschult, nicht nur jede zukünftige Möglichkeit zu antizipieren, sondern auch die Zukunft zu kontrollieren. Auf diese Weise verhindert er, dass die Zukunft die Vergangenheit ändert, weil er als Verlierer sich schlecht vorbereitet hätte.

Überraschungen im unendlichen Spiel

Unendliche Spieler hingegen setzen ihr Spiel in der Erwartung fort, überrascht zu werden. Wenn eine Überraschung nicht mehr möglich ist, so hört das unendliche Spiel auf. Eine Überraschung lässt ein endliches Spiel enden und ist der Grund für das unendliche Spiel weiterzumachen.

Eine Überraschung im unendlichen Spiel ist der Triumpf der Zukunft über die Vergangenheit. Da unendliche Spieler die Vergangenheit nicht als Ergebnis betrachten, haben sie keine Möglichkeit zu wissen, was dort begonnen hat. Mit jeder Überraschung wird die Vergangenheit durch eine Neuinterpretation ein Neuanfang für sich und da die Zukunft immer überraschend ist, ändert sich die Lage immer wieder.

Da endliche Spieler darauf trainiert sind zu verhindern, dass die Zukunft die Vergangenheit verändert, indem ein Ergebnis auftritt, das einen Verlust bedeutet, müssen sie ihre zukünftigen Bewegungen und Spielzüge verbergen. Die Absicht und Vorbereitung muss dem Gegner verborgen bleiben. Endliche Spieler müssen somit etwas Anderes darstellen als das, was sie sind. Dies hatten wir bereits durch das Rollenspiel angedeutet. Alle Bewegungen eines endlichen Spielers müssen somit Täuschen und den Gegner im Unklaren lassen: Feinheiten, Ablenkungen, Fälschungen, Verlogenheiten, Lügen, und Mystifizierungen sind Teil des endlichen Spiels.

Offenheit und Verletzlichkeit

Unendliche Spieler dagegen sind darauf vorbereitet, dass sie von der Zukunft überrascht werden und spielen somit mit völliger Offenheit. Dies bedeutet nicht, dass sie keine Ängste vor Veränderungen haben, sondern dass sie zu ihrer Verletzlichkeit stehen und sich dieser bewusst sind.

Ein unendlicher Spieler erwartet nicht nur wie ein Publikum von Überraschungen amüsiert zu werden, sondern sich von ihr verwandeln zu lassen, denn eine Überraschung verändert nicht nur eine abstrakte Vergangenheit, sondern die persönliche Vergangenheit des unendlichen Spielers.

Zusammenfassend können wir sagen, dass gegen Überraschungen vorbereitet zu sein, „trainiert sein“ bedeutet, während auf Überraschungen vorbereitet zu sein „gebildet sein“ bedeutet. Durch Bildung entdecken wir in der Vergangenheit einen zunehmenden Reichtum, weil wir sehen, was dort unvollendet ist. Durch Training betrachten wir die Vergangenheit als beendet und die Zukunft als bereits abgeschlossen.

Selbsterfindung und Selbstdefinition

Bildung führt somit zu einer kontinuierlichen Selbstfindung bzw. Selbsterfindung, während Training zu einer endgültigen Selbstdefinition nach einem bestimmten Ziel führt.

So können wir uns niemals „selbst finden“, denn wir unterliegen einer ständigen Veränderung durch Überraschungen. Wir können uns als endlicher Spieler selbstdefinieren oder als unendlicher Spieler immer wieder selbst erfinden, doch eine Selbstfindung kann niemals abgeschlossen sein.

Ich freue mich, wenn dir dieser Beitrag gefallen hat und du die Serie weiter verfolgst. Im nächsten Beitrag geht es um „Unsterblichkeit & Verwundbarkeit #3“.

Hier gelangst du nochmal zum vorherigen Artikel „Endliche und unendliche Spiele #1„.

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Beste Grüße

Leo Mattes

Quellen:

James P. Carse – „Finite and Infinite games“ (Buch)