Leo MattesSpieltheorie des Lebens

Unsterblichkeit und Verwundbarkeit #3

Unsterblichkeit & Verwundbarkeit

Im letzten Beitrag haben wir die Auswirkungen von Überraschungen auf das endliche und das unendliche Spiel betrachtet. In diesem Beitrag werde wir uns dem Thema der Unsterblichkeit und der Verwundbarkeit widmen.

Wie bereits schon gesagt, wird in einem endlichen Spiel ein Gewinner ermittelt. Dieser erhält einen Titel, welcher die Bestätigung der anderen ist, dass man der Gewinner des Spiels war und ist.

Titel sind zeitlos

Es ist eine Hauptfunktion einer Gesellschaft Titel zu vergeben und zu überprüfen, wodurch eine ständige Anerkennung sichergestellt wird. Im Zusammenhang mit der Zeitlosigkeit eines Titels können wir zunächst die Bedeutung des Todes für endliche und unendliche Spiele und den großen Unterschied zwischen der Art und Weise, wie der Tod verstanden wird, erkennen.

Ein endliches Spiel wird immer durch einen finalen Zug gewonnen. Der finale Zug führt mit anderen Worten zum Tod und Ausscheiden des gegnerischen Spielers. Ein typisches Beispiel ist das Schach Matt. Der Gewinner tötet im übertragenen Sinne den Gegner. Der Verlierer ist in dem Sinne tot, dass er nicht mehr weiterspielen kann. Der Tod im endlichen Spiel ist der Triumpf der Vergangenheit über die Zukunft, denn es ist keine weitere Überraschung mehr möglich.

Ein Gewinner eines endlichen Spiels erreicht somit nicht wirklich ein Leben nach dem Tod, sondern eine Nachwelt, die eine fortgesetzte Anerkennung der Titel beinhält. Der Tod ist für den endlichen Spieler auch verdient, denn er hat sich überraschen lassen, ohne dass er vorbereitet war und muss daher den Titel des Gewinners anerkennen.

Wenn der Preis für den Gewinner eines endlichen Spiels das Leben im Gegensatz zum Tod des Verlierers ist, so sind die Spieler aber während des Spiels nicht richtig am Leben, denn sie konkurrieren nur um das Leben. Das Leben ist demnach also kein Spiel, sondern das Ergebnis des endlichen Spiels für den Gewinner. Endliche Spieler spielen somit, um zu leben, doch sie leben ihr Spiel nicht. Das Leben ist aus ihrer Sicht dafür da verdient, verliehen, besessen oder gewonnen zu werden, aber nicht, um es zu leben. Das Leben selbst erscheint nur als Mittel zum Leben.

Der Widerspruch im endlichen Spiel

Dies ist ein Widerspruch, der allen endlichen Spielen gemeinsam ist. Da der Zweck eines endlichen Spiels darin besteht, das Spiel mit dem Sieg zu beenden, wird jedes Spiel so gespielt, dass es sich selbst beendet. Der Widerspruch besteht demnach darin, dass alles endliche Spiel gegen sich selbst spielt.

Die Unsterblichkeit durch Titel ist daher das beste Beispiel für die Widersprüchlichkeit des endlichen Spiels. Es ist ein Leben, das man nicht leben kann.

Lass mich das an einem alltäglichen Beispiel noch einmal sagen: Es ist ein Widerspruch bis zu seinem Tod möglichst viel Geld oder möglichst viele Titel zu sammeln, denn die bringen einem nach dem Tod nichts mehr.

Die Sterblichkeit im unendlichen Spiel

Unendliche Spieler sterben und sind sich dessen bewusst, da der Tod immer ein Teil des Spiels ist. Er stirbt nicht am Ende des Spiels, sondern im Laufe des Spiels. Der Tod eines unendlichen Spielers ist dramatisch. Doch dies bedeutet nicht, dass das Spiel mit dem Tod endet – im Gegenteil – unendliche Spieler bieten ihren Tod an, damit das Spiel fortgesetzt werden kann. Aus diesem Grund spielen sie nicht um ihr eigenes Leben, sondern für das Spiel. Da dieses Spiel zwar immer intrinsisch definiert ist, aber mit anderen gespielt wird, ist es offensichtlich, dass unendliche Spieler für das Leben anderer leben und sterben.

Wo der endliche Spieler um Unsterblichkeit spielt, da spielt der unendliche Spieler als Sterblicher. Im unendlichen Spiel ist man sich der Sterblichkeit bewusst, da man immer dramatisch spielt, also in Richtung Offenheit, Fortsetzung, Überraschung, Horizont. Es ist somit ein Spiel, das eine vollständige Verwundbarkeit erfordert.

Das Paradox des unendlichen Spiels

Wie du vielleicht schon bemerkt hast, ist das unendliche Spiel von Natur aus paradox, ebenso wie das endliche Spiel von Natur aus widersprüchlich ist. Das Paradox besteht darin, dass der unendliche Spieler nicht für sich selbst spielt, sondern für das Spiel und seine Fortsetzung. Er ist darauf angewiesen, dass andere das Spiel auch fortsetzen möchten. Er spielt etwas, das er nicht beenden kann.

Das endliche Spiel ist ernst, denn es geht ums gewinnen. Das unendliche Spiel ist freudig, denn es geht darum Möglichkeiten und Überraschungen zu feiern. Der unendliche Spieler lacht nicht über das, was für andere überraschend unmöglich geworden ist, sondern darüber, was mit anderen überraschend möglich wird.

Titel und Namen

Wenn endliche Spieler Titel gewinnen, indem sie Spiele gewinnen, so können wir über unendliche Spieler sagen, dass sie nur ihre Namen haben. Ein wichtiger Unterschied besteht darin, dass Titel am Ende des Spiels vergeben werden und Namen am Anfang.

Wenn eine Person aufgrund ihres Titels bekannt ist, so liegt die Aufmerksamkeit auf der abgeschlossenen und erfolgreichen Vergangenheit, die nicht erneut gespielt werden kann. Wenn eine Person nur durch ihren Namen bekannt ist, so ist die Aufmerksamkeit auf eine offene Zukunft, also auf Ideen und Taten der Person im Hier und Jetzt gerichtet.

Ich freue mich, wenn dir dieser Beitrag gefallen hat und du die Serie weiter verfolgst. Im nächsten Beitrag geht es um „Macht, Stärke und das Böse #4“.

Hier gelangst du nochmal zum vorherigen Artikel „Überraschungen als Ende oder Transformation #2„.

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Beste Grüße

Leo Mattes

Quellen:

James P. Carse – „Finite and Infinite games“ (Buch)