Leo MattesSpieltheorie des Lebens

Wachstum, Maschinen und das Reisen #11

Wachstum, Maschinen und das Reisen

Im letzten Beitrag haben wir uns die Natur, die Stille und die Sprache näher angeschaut. In diesem Beitrag werden wir uns auf Maschine und Garten bzw. auf Technologie und Wachstum und auf das Reisen konzentrieren.

Was ist der Unterschied zwischen „Garten“ und Maschine?

„Garten“ bezieht sich hier nicht auf ein begrenztes Grundstück am Rande der Stadt, sondern ein Ort des Wachstums und der Lebendigkeit. Eine Maschine bzw. eine Technologie unterscheidet sich von einem Garten dahingehend, dass die Maschine von einer Energie bzw. einer Kraft angetrieben wird, die eingeleitet werden muss, während ein Garten bzw. die Natur die Lebendigkeit und die Energie aus sich selbst heraus nimmt.

Eine „tote“ Maschine und ein „lebendiger“ Garten sind aber nicht absolut gegensätzlich, denn genauso wie endliche Spiele in einem unendlichen Spiel existieren können, so kann eine Maschine in einem Garten stehen. Die Frage, die sich stellt, ist, ob eine Maschine dem Interesse des Garten dienen soll, oder der Garten der Maschine.

Technologie und Maschine als Selbstzweck?

Leben wir, um mit unserer Energie und mit unserem Genie die Maschinen zu optimieren? Oder leben wir, damit die Maschinen und Technologien uns dabei helfen unser Genie und unsere Lebendigkeit auszudrücken?

Hier sehen wir eine Parallele zur Praxeologie: In der Praxeologie haben wir gelernt, dass der Mensch zwischen den materiellen und den immateriellen Dingen abwägen muss. Des Weiteren hatten wir festgestellt, dass wir durch eine steigende Produktivität der Maschinen mehr Zeit haben, um unseren immateriellen Bedürfnissen nachzugehen.

Alles ist Natur

Die Natur selbst ist in sich nicht geteilt in Lebende und nicht Lebende-Dinge, weil alles zur Natur gehört. Sie kann daher nicht gegen sich selbst verwendet werden. Nichts ist mehr oder weniger natürlich als das andere. Die Natur ist weder chaotisch noch geordnet, weder sauber noch verschmutzt. Chaos, Ordnung, Naturschutz, Umweltschutz sind lediglich Ausdruck unserer kulturellen Erfahrung mit der Natur. Eine Beurteilung, ob es der Natur gut geht, liegt im Unterschied zwischen der gleichgültigen Spontanität der Natur mit unseren gegenwärtigen Maßstäben, die wir durch unsere Selbsteinschränkungen vornehmen.

Das Genie, die Lebendigkeit oder die Vitalität können nicht gegeben werden, sondern nur gefunden werden. Sie kommt immer aus sich selbst.

Wenn wir uns daran erinnern, dass wir keinen unnatürlichen Einfluss auf die Natur haben können, dann wird unsere Kultur die Freiheit verkörpern, Überraschungen und Unvorhersehbarkeiten anzunehmen. Wenn wir uns jedoch über die Natur stellen und uns dadurch Selbstregulieren und Einschränken, dann wird die Vitalität der Natur immer gegen uns und unsere Regulierungen vorgehen.

Die menschliche Freiheit ist keine Freiheit über die Natur. Es ist eine Freiheit natürlich zu sein. Das heißt, auf die Vitalität und Spontanität der Natur können wir mit unserer eigenen Spontanität und Lebendigkeit antworten.

Maschinen bedienen Maschinen

Je mehr Macht wir über die natürlichen Prozesse ausüben, desto machtloser werden wir. Die Steuerung einer Maschine und das Einhalten von Regulierungen ist ein mechanischer Vorgang. Um eine Maschine zu bedienen, muss man selbst wie eine Maschine arbeiten. Wenn wir eine Maschine in dem Glauben einsetzen, dass wir dadurch die Reichweite unserer Freiheit vergrößern, dann setzen wir sie dabei gegen uns selbst ein, denn wir werden zur Maschine und vergessen während der Bedienung unsere Lebendigkeit. Die Maschine gibt uns die Rolle des Maschinenbediener.

Wenn wir eine Maschine einsetzen, um das zu erreichen, was wir uns wünschen, so können wir das was wir uns wünschen erst haben, wenn wir mit der Maschine fertig sind. Das widersprüchliche Ziel einer Maschine ist es daher eliminiert und nicht mehr gebraucht zu werden. Sie steht uns im Weg etwas zu tun, was unserer Lebendigkeit entspricht.

Die perfekte Maschine

Hier haben wir eine Parallele zur Vision der Null-Grenzkosten Gesellschaft und zur Idee einer perfekten Maschine. Ich hatte in meinen Artikeln schonmal gesagt, dass eine perfekte Maschine ihre Funktion erfüllt, ohne zu existieren. Dies hatte ich daraus abgeleitet, dass ich die Optimierungsparameter und Zielgrößen maximiert hatte. Wie auch in der Vision der Null-Grenzkosten Gesellschaft ist dies ein Zustand maximaler Produktivität. Es gibt ein maximales Ergebnis bei minimalem Einsatz. Wir hatten damals diese Widersprüchlichkeit schon erkannt.

Wenn eine Maschine am effektivsten ist, dann hat sie überhaupt keine Wirkung, denn sie regelt nur sich selbst. Sie erzielt das gewünschte Ergebnis, aber es passiert nichts.

Wenn eine Maschine also wie eine Maschine betrieben werden soll, dann arbeiten wir nicht nur wie Maschinen miteinander, sondern auch wie Maschinen. Und wenn eine Maschine am effektivsten ist, wenn sie keine Wirkung hat, dann arbeiten wir auch so miteinander, dass wir das gewünschte Ergebnis erzielen. Es passiert nichts.

Um hier wieder eine Parallele zur Praxeologie zu ziehen. Eine solche Maschine ist wie eine statische Wirtschaft, in der alles vorhersehbar ist und somit alle Prozesse für immer gleich ablaufen würden. Wir hatten aber herausgefunden, dass dies aufgrund von Unsicherheiten und aufgrund der Unvorhersehbarkeit und Unplanbarkeit der menschlichen Natur nicht möglich ist. Planwirtschaft funktioniert aufgrund der menschlichen Natur nicht und ist eine Vorstellung, die gegen die menschliche Natur vorgeht.

Maschinen beenden die Möglichkeit zu spielen

Waffen und Maschinen sind somit die Ausrüstung endlicher Spiele, die so konzipiert sind, dass sie das unendliche Spiel nicht maximieren, sondern eliminieren. Sie beenden keine Wettbewerbe, sondern sie beenden die Möglichkeit weiterer Spiele. Mörder sind keine Sieger, sondern nur ungehinderte Konkurrenten, Spieler ohne Spiel und lebende Widersprüche.

Nun ist nicht jeder, der eine Maschine benutzt ein Mörder oder im Versuch das unendliche Spiel zu beenden, doch wenn der Einsatz von Maschinen ein Versuch ist auf die Gleichgültigkeit der Natur mit einer Gleichgültigkeit gegenüber der Natur und somit gegenüber unserer eigenen Lebendigkeit, Vitalität und Genialität zu reagieren, so wird die Maschine zum Selbstzweck und wir Leben ein Leben in Widerspruch des endlichen Spiels. Wir würden Gefangene unserer Selbstbeschränkungen werden und es käme in uns zu keiner weiteren Verwandlung, Berührung oder Transformation.

Reisen und Wachstum

Echte Reisen haben kein Ziel. Echte Reisende haben keine Checkliste, sondern sie entdecken ständig, dass sie woanders sind. Sie sehen die Lebendigkeit und Vitalität immer und überall. Reisen heißt wachsen. Die Natur verändert sich nicht, alles was sich für uns verändern kann ist unser Blick auf die Natur. Echte Reisende reisen nicht, um Entfernungen zu überwinden, sondern um ihre Blickwinkel zu verändern. Es ist nicht die Entfernung, die eine Reise definiert, sondern eine Reise ermöglicht das Entfernen und Wachsen.

„Die einzig wahre Reise wäre, nicht mit demselben Augenpaar durch hunderte verschiedene Länder zu reisen, sondern dasselbe Land mit hunderten verschiedenen Augenpaaren zu sehen.“ – Marcel Proust

Eine Familie, ein Garten, eine Beziehung, ein Klassenzimmer – jeder Ort menschlicher Versammlung – bieten unzählige Möglichkeiten für Veränderung uns Wachstum. Diese Veränderungen sind für unendliche Spieler nicht theatralisch, sondern öffnen sich dramatisch für eine Zukunft. Wenn wir auf Veränderungen nicht mehr spontan und kreativ reagieren können, dann liegt das an den gesellschaftlichen Mustern, die uns eine Selbstbeschränkung auferlegen haben.

Den Widerspruch des endlichen Spiel haben wir im Laufe dieser Serie des Öfteren behandelt. Der Versuch die Natur zu kontrollieren ist letztendlich auch ein Versuch die Personen und Genies zu kontrollieren. Wir müssen davon ausgehen, dass Gesellschaften weniger geduldig mit jenen Kulturen sind, die ein gewisses Maß an Gleichgültigkeit gegenüber den gesellschaftlichen Zielen und Werten zum Ausdruck bringen. So erzeugt eine Gesellschaft, die natürlichen Abfall erzeugt, auch menschlichen Abfall, denn wenn sie sich anmaßt die Natur zu beherrschen, so wird sie sich auch anmaßen die menschliche Natur, das Genie und die Spieler des unendlichen Spiels zu beherrschen.

Es gibt nur ein unendliches Spiel

James P. Carse beendet das Buch mit dem Satz „Es gibt nur ein unendliches Spiel.“ Er führt dies nicht weiter aus, doch wir verstehen nun, dass dieses Spiel dem Leben, der Vitalität, der Natur, der Zukunft, den Veränderungen, den Überraschungen, den Transformationen, den Berührungen, der Kultur, dem Wachstum, dem Reisen, den Innovationen und Kooperationen offen gegenübersteht, während ein endliches Spiel sein eigenes Ende anstrebt.

Ich freue mich, wenn dir dieser Beitrag gefallen hat und du die Serie weiter verfolgst. Im nächsten Beitrag geht es um „Zusammenfassung und Download #12“.

Hier gelangst du nochmal zum vorherigen Artikel „Die Natur, die Stille und die Sprache #10„.

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Beste Grüße

Leo Mattes

Quellen:

James P. Carse – „Finite and Infinite games“ (Buch)